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Ferdinand Schröders Brandrede : Vor 80 Jahren brannten die Bücher

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Nationalsozialisten zerstörten am 30. Mai 1933 Berge ungeliebter Literatur auf der Exe.

shz.de von
erstellt am 29.Mai.2013 | 07:06 Uhr

Flensburg | Ein kultivierter Herr, so wie er im Programm des Stadttheaters für die Spielzeit 1933/34 dem Publikum vorgestellt wird - fein gekleidet und mit Fliege als Markenzeichen: Ferdinand Schröder gehörte als Schauspieler, Sänger und Spielleiter seit Jahren zum Stamm-Ensemble des Flensburger Hauses. Wie er so milde aus dem Foto herausschaut, kann man sich ihn als kämpferischen nationalsozialistischen Hitzkopf nicht vorstellen. Doch drückte der Mann der Künste der spektakulären Bücherverbrennung auf der Exe am 30. Mai 1933 als Hauptakteur seinen Stempel auf. Er hielt die "Brandrede".

Der langjährige Bühnenkünstler Ferdinand Schröder (1879-1937) war Anfang des Monats zum Ortsgruppenleiter des neugegründeten Kampfbundes für deutsche Kultur gewählt worden, einer NS-Organisation, die ihre Aufgabe darin sah, "zu retten und wieder zu erwecken, was durch den Zerfall des letzten Jahrzehnts am meisten gefährdet war: Deutsches Seelentum und sein Ausdruck im schaffenden Leben, in Kunst und Wissen, Recht und Erziehung, in geistigen und charakterlichen Werten".

Die Nazi-Partei NSDAP hatte in Flensburg im Rahmen einer "Reinigungsaktion" laut Zeitungsbericht viele Zentner "verräterischen und zersetzenden Materials" für die öffentliche Verbrennung "sichergestellt". Die selbst ernannten "Wächter des deutschen Wortes" hatten auf der Suche nach missliebigen Schriften anhand von NS-amtlichen "Schwarzen Listen" Bibliotheken und Leihbüchereien durchforstet und in großen Mengen Druckwerke aussortiert. Mit Wagen wurden die einkassierten Bücher auf die Exe transportiert, zudem hatte die SA Material im Gewerkschaftshaus mitgenommen.

Zahlreiche Flensburger folgten dem Aufruf der Partei und strömten am 30. Mai auf die Exe. Es war ein regenfeuchter Abend, die Szenerie wurde erhellt durch empor lodernde Flammen. In der Berichterstattung über das Spektakel ereiferte sich in besonderem Maße die Flensburger NS-Zeitung. Dort heißt es unter anderem: "Schundliteratur, mit der Juden und Marxisten bewußt unser Volkstum zersetzen wollten, marxistische Zeitungen, deren Spalten mit Lügen und Gemeinheiten angefüllt waren, um einen Nebeldunst um die Gehirne ihrer gläubigen Leser zu legen, und Zeitschriften mit zotigem Inhalt wurden auf den Richtstätten des undeutschen Geistes verbrannt. Bald ergriffen die gierigen Flammen einen zweiten Dreckhaufen, in den hinein sich Buch um Buch, Zeitung um Zeitung schichteten - unwürdig des Lebens, würdig aber des Verbrennungstodes." Die Bücherverbrennung habe den Charakter einer festlichen Weihe gehabt.

Angefeuert wurden die Akteure von Ferdinand Schröder, der in seiner Parteiuniform auftrat. "In diesen Flammen", so rief er dem Publikum den Presseberichten zufolge zu, "wird der Geist verbrannt, der Deutschland in den letzten Jahren vergiftet habe. Sauberkeit und Ehrlichkeit solle fortan in den Bücherschränken der deutschen Volksgenossen herrschen. Es solle vermieden werden, daß solche volksfeindlichen Bücher in Uebersetzungen ins Ausland kämen, wo sie nur den Ruf des deutschen Vaterlandes untergraben würden. Das deutsche Schrifttum sei von einem tiefen Glauben beseelt..." Die - wie es hieß - "beifällig aufgenommenen Ausführungen klangen aus in einem ,Sieg-Heil auf den Volkskanzler Adolf Hitler, und danach stimmten alle die erste Strophe des Horst-Wessel-Liedes an".

Zu den Autoren, deren Werke während der reichsweiten "Aktion wider den undeutschen Geist" auf dem Scheiterhaufen landeten, zählte der Schriftsteller und Aufklärer Heinrich Heine (1797-1856). Von ihm stammen die prophetischen Worte "Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen."

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