zur Navigation springen
Flensburger Tageblatt

18. November 2017 | 09:28 Uhr

Von Über- und Unterpräsenz

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

shz.de von
erstellt am 19.Mai.2017 | 12:02 Uhr

 Als Simon Faber noch Oberbürgermeister war, konnte er stets unbehelligt durch die Stadt laufen; selbst nach sechs Jahren Amtszeit war sein Gesicht vielen Bürgern nicht bekannt. Das hatte im Alltag gewissen Annehmlichkeiten. Faber hatte seine öffentlichen Auftritte stets mit besonderer Sorgfalt ausgewählt und dabei die Messlatte meist hoch gelegt.

Bei seiner Nachfolgerin im Amt liegt sie deutlich niedriger. Kommenden Dienstag werden zum Beispiel drei Ladesäulen für E-Autos eingeweiht. Selbstverständlich ist Simone Lange dabei, handelt es sich doch um ein wichtiges Element nachhaltiger Infrastruktur. Vor einigen Tagen hat sie die Presse sogar zur Einweihung einer Ampel eingeladen. Okay, es war eine besondere Ampel. Statt eines einzelnen Männchens zeigt sie zwei von ihnen Hand in Hand, und diese zwei haben das gleiche Geschlecht. Diese Geschichte hat Flensburg bundesweite Medienpräsenz beschert. Jeder mag selbst beurteilen, ob das gut oder schlecht ist. Letzten Montag hat SHMF-Intendant Kuhnt im Yachting Heritage Center das Programm für Flensburg vorgestellt. Wer war schon da? Na klar, die Oberbürgermeisterin, und sie hat sogar ein paar nette Worte gesagt, obwohl die Stadt mit dem Festival nichts zu tun hat. Demnächst wird eine relativ unbedeutende Straße in Fruerlund nach langen Bauarbeiten dem Verkehr übergeben. Klar, wer da das rote Band durchschneidet.

Nächste Woche ist Rum-Regatta: Ob sie da auf der „Gesine“ in der Wasserslebener Bucht den Startschuss geben wird? An der oberen Osterallee gibt es demnächst einen Grundstein zu verlegen. Und auf dem Campus können in Kürze ganz viele schöne neue Bürocontainer ihrer Bestimmung übergeben werden.

Keine Frage: Flensburg hat eine ungemein fleißige, den Bürgern zugewandte Oberbürgermeisterin bekommen, die bei fast allen Auftritten eine gute Figur macht. Doch nach gut 120 Tagen Amtszeit ist sie gewiss schon bekannter als Faber nach sechs Jahren, und deshalb könnte sie jetzt die Präsenzkampagne ein paar Gänge runterfahren.

Besonders kritische Beobachter des kommunalen Lebens fragen sich nämlich bereits, ob sie denn bei all den Einweihungen und Eröffnungen noch Zeit für das eigentliche Regieren findet – also zum Beispiel für das Suchen und Finden eines passenden Grundstücks für ein großes neues Krankenhaus. Da gibt es ja bekanntlich einen gewissen Zeitdruck.

Jede Serie reißt irgendwann einmal. Diese Binsenweisheit ist besonders im Sport fest verankert. Nun hat es den Flensburger Peter Becker getroffen – wenn auch auf ganz anderem Terrain.

Der 88-Jährige ist ein Phänomen: Vor 70 Jahren hat er seinen Führerschein gemacht und ist seitdem unfallfrei gefahren – mit dem Pkw oder Lkw, auf dem Motorrad, auf Sportbooten, als Dampflokführer und sogar als Panzerfahrer. In dieser Zeit ist er nicht ein einziges Mal kontrolliert und nach seiner Fahrerlaubnis gefragt worden.

Unserer Zeitung war seine außergewöhnliche automobile Biografie einen Bericht wert. Ein Bericht mit Folgen! Am Tag der Veröffentlichung fuhr Becker mit seiner in Dänemark lebenden Tochter über die Grenze. Sie wurden durchgewunken. Doch als die Tochter durchs offene Seitenfenster fröhlich damit prahlte, dass der Herr Papa in seinem Leben noch nie seinen „Lappen“ habe vorweisen müssen, hat es ihn kalt erwischt.

Der dänische Zollbeamte bewies eine spezielle Form von Humor: „Dann ist es heute wohl das erste Mal“, sagte er grinsend – und verlangte den Führerschein zu sehen. Der Kriminalhauptkommissar a. D. war wie vom Donner gerührt. Denn plötzlich fiel ihm ein, das Dokument lag noch in der Redaktion des Tageblatts. „Ich habe keinen dabei“, musste er kleinlaut gestehen. Und erzählte wahrheitsgetreu seine Geschichte. Der Zöllner war schwer beeindruckt. Und legte eine gehörige Portion Großmut an den Tag: Er ließ Vater und Tochter passieren. Und Peter Becker darf sich rühmen, dass zumindest eine Serie (noch) nicht gerissen ist: Seit 1947 hat er noch nie seinen Führerschein vorgewiesen.

Weiterhin gute Fahrt!

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen