Von nebenan nach Übersee

Hat sich ein Stipendium erkämpft: Anna Iversen (re.) überzeugte Jane Lorenz (li.) und das Team bei „International Experience“. Foto: dewanger
Hat sich ein Stipendium erkämpft: Anna Iversen (re.) überzeugte Jane Lorenz (li.) und das Team bei „International Experience“. Foto: dewanger

Anna Iversen erhält ein Stipendium der Organisation "International Experience" und wird im nächsten Jahr zehn Monate in den USA verbringen

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06. Oktober 2011, 05:47 Uhr

flensburg | Welche Familie passt zu Anna? Und wo genau lebt diese Familie? Bis August nächsten Jahres muss das Team der Austauschorganisation "International Experience" ein amerikanisches Zuhause für Anna Iversen finden. Denn zehn Monate lang möchte die 15-Jährige den Highschool- und Familienalltag in den USA erleben, Sprache, Kultur und neue Freunde kennenlernen. "Das ist eine Erfahrung, die ein Leben lang nachwirkt", weiß Jane Lorenz, Vertreterin der gemeinnützigen Organisation. Deshalb sei es ihr so wichtig, dass diese Erfahrung positiv verlaufe und andere Schüler und Eltern über die Möglichkeiten informiert werden.

Im Rahmen eines Informationsabends zum Thema "Auslandsjahr" im Alten Gymnasium in Flensburg erhielt Anna Iversen nun das Stipendium in Urkundenform und präsentierte ihre Ausarbeitung, mit der sie eins von insgesamt drei vergebenen Stipendien ergattern konnte. "Wir wollen nicht nur Einserschüler", erklärt Lorenz das Auswahlverfahren. "Wer die Energie aufbringt, durch eigenen Einsatz etwas dafür zu tun, hat eine Chance verdient." Ein Austauschjahr sei auch für Normalverdiener erschwinglich, so Lorenz: "Man muss nicht reich sein, um seinem Kind diese Möglichkeit zu bieten." Anna sei ein gutes Beispiel, erklärt sie weiter: "Ein Mädchen von nebenan, das es einfach probiert hat." Sie habe mit Engagement und Ehrgeiz überzeugt - und zwar im Rahmen einer außerschulischen Leistung. Diese müssen die Bewerber mit einem Projekt unter Beweis stellen. In diesem Jahr galt es, eigene Ideen zum Thema "Zielgruppenwerbung" der Organisation auszuarbeiten und einzureichen. Durch das von der Organisation vergebene Stipendium wird Annas Auslandserfahrung zur Hälfte finanziert. Die andere Hälfte übernehmen ihre Eltern.

Während eines Austauschjahres sei die soziale Entwicklung der Jugendlichen enorm, weiß Jane Lorenz: "Sie lernen, sich in einer fremden Familie ein- und unterzuordnen, sich in einer neuen Umgebung zurecht zu finden." Zudem sei eine nachhaltige Bindung zu den geknüpften Kontakten eher die Regel als die Ausnahme. "Ich höre immer wieder von Ehemaligen, dass sie gerade wieder bei ihrer Gastfamilie zu Besuch waren." Weil großer Wert auf ein Zusammenpassen gelegt werde, sei der Weg zur richtigen Gastfamilie lang und von Selbsterkenntnissen gespickt. So hat auch Anna Iversen viel über sich gelernt in den letzten Wochen: "Sich hinsetzen und Fragen über sich zu beantworten - so einfach ist das nicht." Ein umfassendes Profil sollte bei der Beantwortung zustande kommen. Deshalb fragte sie Freunde und Familie nach ihren Charaktereigenschaften und hat viel positives Feedback bekommen. Ein solch persönliches Profil erfülle einen wichtigen Sinn, erklärt Lorenz: "Die Schüler und die Familien müssen eng zusammenleben. Da muss man sich verstehen." Die aufwendige Suche nach der passenden Familie aber lohne sich, denn bei den von "International Experience" vermittelten Kontakten gebe es nur selten Wechsel. "Wir kennen unsere Familien vor Ort: Es ist also nicht nur Glück, dass wir eine hohe Matching-Quote haben".

Auch die Angst, Familie und Freunde zu vermissen, sei bei Austauschschülern nur natürlich. Anna jedoch ist optimistisch, dass sie dem Heimweh entgegenwirken kann: "Es gibt ja immer noch Skype." Eine anfängliche Unsicherheit aber sei sehr wichtig, erklärt Lorenz, denn wenn ein junger Mensch keine Angst vor Heimweh hat, so bedeute dies, er habe zu Hause keine sozialen Bindungen. "Dann flieht er von zu Hause und baut auch im neuen Land keine auf", erklärt Lorenz.

Auch bei der Suche nach einer passenden Organisation zeigte Anna Einsatzbereitschaft: "In der Schule lagen nur ein paar Prospekte aus, ansonsten ist das kein Thema." Also wurde sie sich mit Unterstützung ihrer Eltern über ihre Wünsche und Möglichkeiten klar.

Ob Anna ab August nun nahe Los Angeles, New York oder Miami leben wird, ist noch ungewiss. Sicher ist nur, dass die Schülerin aus Handewitt nicht zum Großstadtkind avancieren wird, sagt Lorenz: "Wegen der Sicherheit und der Auslastung der Schulen in Stadtgebieten werden die Austauschschüler eher im Speckgürtel der Städte oder in ländlichen Gebieten ihren Platz finden." Anna macht das nichts aus. Es sei die Erfahrung, die zählt. Auch wenn sie insgeheim auf eine Metropole direkt an Ost- oder Westküste hofft.

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