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Sanierung : Von Hof zu Hof: Eine Idee zieht Kreise

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Industrie- und Handelskammer, Stadtverwaltung, Geschäftsleute und Touristiker zeigen sich kooperativ und wollen den Faden aufnehmen

shz.de von
erstellt am 03.Feb.2014 | 08:33 Uhr

Eiko Wenzel steht zwischen geschichtsträchtigen Mauern. Er wirkt dabei nicht besonders glücklich. Denn an dem gelb verklinkerten Ensemble mit den grünen Sprossenfenstern nagt der Zahn der Zeit. Der Stoehrhof, der Große Straße und Speicherlinie verbindet, ist ein verborgenes Kleinod, über das der Denkmalschützer viel zu berichten weiß. Im 17. und 18. Jahrhundert wohnten hier einige Flensburger Bürgermeister (wie Dietrich Nacke), auch der erste königliche Postmeister Diedrich Klöcker erkor es zu seinem Domizil; 1658 übernachtete gar der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg in einem der einst schmucken Gebäude.

Die Höfe der Großen Straße erzählen Geschichten, gleichwohl drohen sie der Vergessenheit anheimzufallen. Reinhard und Peter Thomas wollen, wie berichtet, die Schätze aus ihren Niederungen wieder ans Licht bringen. „Hof-Hopping“ heißt das Zauberwort. Miteinander verbundene „höfliche Gänge“ zum Stöbern und Entdecken. Die Brüder haben die Vision, parallel zur Einkaufsstraße eine Erlebniszone vor historischer Kulisse auferstehen zu lassen, die ein Touristenmagnet werden und nicht zuletzt dem Leerstand in der Großen Straße entgegen wirken könnte. Vorbild: Rote Straße.

„Aus unserer Sicht ist das Anliegen der Initiatoren richtig und wichtig“, sagt Eiko Wenzel, der als stellvertretender Leiter des Fachbereichs Entwicklung und Innovation besonders die Denkmalpflege im Blick hat. Er lobt die gute Analyse der Brüder Thomas und den gedanklichen Ansatz, wie man eine Veränderung der Situation herbeiführen könne. Viel zu viele Höfe, findet er, würden weit unter Wert genutzt. „Die Grundsubstanz ist gut, man muss die Perlen nur aufpolieren.“

Sorgen bereitet ihm neben dem erwähnten Stoerhof (Große Straße 48) etwa der Hof Große Straße 30. Dort ist das Vorderhaus im Jahr 1914 neu errichtet worden, die anderen Gebäude indes – Renaissance-Architektur, barocke Fenster – machen einen sehr vernachlässigten Eindruck. Die Westseite jenseits der Einkaufsmeile sei nicht zu vergessen. „Auch hier gibt es ebProblemzonen“, sagt Wenzel. So lägen ihm bereits zwei Abbruchanträge für erhaltenswerte Objekte vor. Wegen dieser vielen Sorgenkinder führt die Stadt bereits Gespräche mit dem Land, doch demnach „ist es um die Höfe schlecht bestellt“. Die betroffenen Areale sind im Moment nicht Städteförderungsgebiet, Fördermittel nicht in Sicht.

Jetzt gehe es um eine Strategie, um an die Eigentümer heranzukommen. „Wenn es an finanziellen Anreizen fehlt, müssen wir auf kommunikativer Ebene etwas in Gang bringen.“ Im gemeinsamen Dialog könne man, so Wenzel, Chancen und potenzielle Hemmnisse eruieren. Er versprach, die vorgelegten Ideen in den Fachbereich tragen zu wollen.

Ein potenzieller Partner der Höfe-Liaison könnte die IHK sein. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Ulrich Spitzer zumindest findet das Thema „hochinteressant“. Drei Aspekte müsste man seiner Ansicht nach näher untersuchen: Wie hoch ist der bauliche Aufwand unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes? Welche Auswirkungen hat es, wenn Ruhezonen  durch starke Frequentierung aufgebrochen werden? „Die Hinterhöfe sind ja  als Wohnraum  attraktiv“, meint Spitzer, „weil sie nicht begangen werden.“ Drittens seien die Auswirkungen auf die Geschäftswelt in der City zu prüfen, „wenn Fußgänger verstärkt in die Höfe abzweigen“.

Da kann Jens Drews ihn als Vorsitzender der Flensburger Gilde (ehemals IG Große Straße) beruhigen. „Wenn wir die Zugänge zu den Höfen öffnen, diese freundlich gestalten und gut bewerben“, so seine Überzeugung, werde das zu einer Belebung des Einzelhandels in der Fußgängerzone führen. Das meint auch Finja Fröhlich, Interims-Chefin bei Flensburg Fjord Tourismus (FFT). „Wir sollten immer ein gesamtstädtisches Konzept im Blick haben, um uns nach außen positiv präsentieren zu können.“ Nach aktuell vorliegenden Zahlen sind die Übernachtungen in der Stadt von Januar bis Oktober 2013  (im Vergleich zum Vorjahreszeitraum) um 9,1 Prozent gestiegen. „Da wollen wir nicht stehen bleiben“, sagt Finja Fröhlich. Auch wenn sie um  die finanziellen Probleme bei der Sanierung alter Bausubstanz weiß, so gebe es doch eine Prämisse: „Wir müssen unser historisches Erbe erhalten.“

 Höfe an der Großen Straße:

Im Bereich der Großen Straße liegen viele der für Flensburg charakteristischen Kaufmannshöfe mit Vorderhäusern, daran anschließenden Gebäuden mit ehemals großen, repräsentativen Wohnräumen (sog. Saalbauten), zurückgestaffelten Seitenflügeln sowie den Hof abschließenden Querspeichern. Insgesamt handelt es sich um eine sehr wertvolle städtebauliche Struktur und viele historische Einzelgebäude, die zum großen Teil Kulturdenkmäler sind. Einige der Höfe konnten im Zuge der Stadtsanierung überwiegend in den 1980er Jahren instand gesetzt werden, z.B. der Brasserie-Hof (Große St. 42/44). Viele weisen aber bis heute erhebliche Mängel auf, und viele der Höfe, in denen sich wertvolle Kulturdenkmäler befinden, haben starke gestalterische Defizite (störende Anbauten, unpassende Fenster u.a.m.). Darüber hinaus sind viele Höfe dadurch beeinträchtigt, dass es Teilleerstände und Funktionsdefizite (z.B. Freiflächen nur als Parkplatz oder Mülltonnenstandorte genutzt) gibt.

Mängel oder Defizite sind  von folgenden Höfen bekannt:

Große Straße 6: Eng bebauter Kaufmannshof, von besonderem Wert der Anbau an das Vorderhaus mit Klosterziegelmauerwerk im Blockverband und mit Fachwerkkonstruktion wohl aus dem späten 16. oder frühen 17. Jahrhundert.

Große Straße 16: Rückgebäude zur ehem. Löwenapotheke. Das zweigeschossige Gebäude aus dem 18. Jahrhundert steht seit geraumer Zeit leer und weist erhebliche Gebäudemängel auf.

Große Straße 20: An der Nordseite des Hofes steht ein lang gestreckter, ehem. Speicherbau mit Gelbziegelmauerwerk aus dem Jahre 1872, der bereits 1889 zu Wohnungen umgebaut wurde.

Große Straße 26: bedeutender Kaufmannshof, im Vorderhaus noch gotische Substanz aus dem 15. Jahrhundert, mit einem Gewölbekeller.

Große Straße 28:  Substanz aus dem 15.  Jahrhundert.

Große Straße 30:  Zwei Saalbauten der Renaissancezeit, um 1600 erbaut, mit dem typischen farbigen Schichtenwechsel im Sichtmauerwerk. Original erhaltene Barockfenster.

Große Straße 48, Stoehrhof: Das  Traufhaus zur Großen Straße erhielt seine heutige Gestalt durch Stadtbaumeister Winstrup 1852, die Gebäudesubstanz geht auch hier auf die Renaissancezeit zurück.. Eigentümer und Bewohner des Kaufmannshofes war im späten 16. Jahrhundert bis zu seinem Tod im Jahre 1595 Bürgermeister Dietrich Nacke, einer der reichsten Kaufleute, von dem viele Stiftungen ausgingen.

Große Straße 50: Kaufmannshof mit Bauteilen aus der Renaissancezeit mit farbigem Schichtenwechsel im Mauerwerk und rundem Treppenturm, 16. Jh.

Große Straße 52: Das Vorderhaus wurde 1766 vom Kgl. Zollverwalter Bährens als barocker Neubau errichtet.

(Zusammenstellung: Eiko Wenzel)

 

 

 

 

 

 

 


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