Von hier aus eroberte die Kartoffel Schleswig-Holstein

Foto um 1865: Glücksburg, Flensburger Str. 1, ehemals Lüders Wohnhaus.  Foto: Hamer (2)
1 von 2
Foto um 1865: Glücksburg, Flensburger Str. 1, ehemals Lüders Wohnhaus. Foto: Hamer (2)

Vor 250 Jahren Ackerakademie in Glücksburg gegründet / Propst Philipp Ernst Lüders als Visionär der modernen Landwirtschaft

shz.de von
14. Juli 2012, 03:59 Uhr

Glücksburg | Gestern auf den Tag vor 250 Jahren, am 13. Juli 1762, wurde in Glücksburg die Königlich Dänische Ackerakademie von Propst Philipp Ernst Lüders und 25 Mitgliedern gegründet. Eine Besonderheit: Denn in der Reihe der landwirtschaftlichen Gesellschaften war die Glücksburger die erste in Nordeuropa und die fünfte in Europa; vor ihr bestanden die der Steiermark seit 1738, zu Florenz 1753, Bern 1760 und 1761 in Paris. Die Akademie hat zum Nutzen des Landbaus forschend gearbeitet, Techniken und neue Kulturen ausprobiert, besonders aber durch Feldgespräche, Vorträge und Schriften Berufsberatung betrieben. Damit verhalf sie vielen Bauern zu beachtlichen Fortschritten.

Etwas radikal Neues war das Zusammenwirken durch Personen von verschiedenem Rang, Grundherren und Bauern, Lehrer und Geistliche, die damals meist selbst auch Landwirte waren. Außerdem konnten "Zuschauer, die mit dem Landbau keine Gemeinschaft haben", als fördernde Mitglieder bei der Ackerakademie mitwirken. Diese, alle Stände vereinende Wissenschafts- und Bildungsstätte, war eine neue soziale Figur, die der gesellschaftlichen Entwicklung vorausgreift. Die Glücksburger Institution kannte keine Statuten und kein Akademiegesetz, "eine rühmliche Gesinnung… das alleinige Gesetz, woran sich diese Gesellschaft hielt", genügte.

Der anerkannt "Rühmlichste" der Gesellschaft war Propst Lüders, der die meiste Arbeit leistete, ihre Zusammenkünfte vorbereitete und leitete, dazu sein Haus in Glücksburg, Flensburger Straße 1, zur Verfügung stellte und den größten Teil der Kosten von seinem Gehalt bezahlte. Auf einem Pachtland und dem Hausgarten des Propstes wurden Versuchsflächen angelegt und dort die Bewirtschaftungsmethoden und die Anbauweisen jedem interessierten Bauern vorgeführt. Sein großer Garten am Hause zählte rund 200 Obstbäume, viele Maulbeer sträucher für die Seidenraupenzucht. Auf seinem Grundstück hatte er auch eine Pflanzschule angelegt, um Saatgut und Stecklinge zu ziehen.

Viele "Glücksburger Lehren" sind in den Herzogtümern und im Königreich wirksam geworden. Die Leistung, die mit dem Namen Propst Lüders in Glücksburg bis heute zuerst in Verbindung gebracht wird, ist die Einführung der Kartoffel in Schleswig-Holstein und Dänemark. Mit dieser Tat verschaffte er nicht nur den Bauern einen neuen Produktionsbereich, sondern sorgte damit auch für eine Abwechslung in der Ernährung der Bevölkerung. In seinem Garten wurden um 1740 die ersten brauchbaren Speisekartoffeln geerntet.

Mit einigen Anregungen eilte Lüders seiner Zeit weit voraus. Die von ihm vorgeschlagenen planmäßigen Bodenuntersuchungen und die Sammlung der Befunde in einem Register, waren die ersten Ansätze zu einer Bodenbonitierung. Lüders war einer der ersten deutschsprachigen landwirtschaftlichen Schriftsteller und ein besonders fleißiger: sein Gesamtwerk umfasst etwa 60 selbständige Schriften, die rund 4500 Druckseiten zählen. Um die Lehrschriften schnell an den Mann zu bringen, hatte sich Lüders ein neuartiges Vertriebssystem ausgedacht: an Lehrer verschickte er Broschüren gratis, die von ihnen an Hoferben beim Schulabgang verschenkt werden sollten.

Es ist bedauerlich, dass die Geschichte der Glücksburger Ackerakademie nur wenige Jahre umfasst. Bis zu welchem Jahr sie bestand und warum sie aufhörte zu existieren, ist unbekannt. Die Gesellschaft erhielt niemals finanzielle Unterstützung. Obwohl sie im ganzen Land positive Resonanz fand, erhöhte sich ihre Mitgliederzahl im Laufe der Jahre nur geringfügig. Unvorteilhaft erwies es sich für den Fortbestand der Gesellschaft, dass Lüders kaum mitwirkende Gutsherren und nur wenige Bauern gewann, dagegen zu viele Geistliche zu Mitgliedern werben konnte. Einige Zeitgenossen behaupteten, Lüders Verhalten, der hin und wieder "etwas zu dictatorisch" sein konnte, "trug wirklich nicht wenig zu dem frühen Tode dieses nützlichen Instituts bei", was vermutlich noch zu seinen Lebzeiten passierte.

In der großen Zahl evangelischer Landpfarrer, die sich um eine Verbesserung der Landwirtschaft in Deutschland bemühten, war Propst Philipp Ernst Lüders in Glücksburg einer der hervorragendsten. Besondere Anerkennung verdient, dass er sich den persönlichen Einsatz für die Landwirtschaft nicht bezahlen ließ, und allgemeinnützliche Unternehmungen ohne Gelder aus der Staatskasse errichten konnte. Keiner Nachricht ist zu entnehmen, dass Glücksburgs Herzog an dem Werk seines Propstes Anteil nahm.

Im Ausland hat man Lüders reformerische Tätigkeit zu würdigen gewusst durch Ehrenmitgliedschaften bei den Gesellschaften in Bern und in Celle. 1764 ernannte ihn die Ackerbau-Gesellschaft von Frankreich zu ihrem Mitglied; zwischen Paris und Glücksburg bestand ein Erfahrungsaustausch. Lüders starb mit 84 Jahren, im 58. Dienstjahr immer noch im Amt als Propst. Sein Grab auf dem alten Friedhof in Glücksburg ist nicht mehr vorhanden. Im Jahre 1900 wurde die Propst-Lüders-Allee nach ihm benannt und vom örtlichen Obstbauverein mit 60 Apfelbäumen bepflanzt.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen