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Flensburger Phänomenta : Von einem, der auszog, am Phänomen zu lehren

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ehrung für Phänomenta-Gründer und Science-Center-Erfinder Lutz Fiesser

„Anstiften zum Denken“ war ein Buch, das mir 1993 von einen Dozenten in Heidelberg mit den knappen Worten „Das ist doch was für dich. Du bastelst doch ganz gerne“ in die Hand gedrückt wurde. Das Buch handelte von einer Ausstellung namens Phänomenta im fernen Flensburg mit interaktiven Exponaten, gegründet von einem Prof. Dr. Lutz Fiesser. Der Inhalt war für mich faszinierend und die Fahrt – gemeinsam mit 14 Studenten – nach Flensburg zum ersten allein stehenden Science-Center Deutschlands war schnell gebucht. Neben dem phänomenalen Erstkontakt mit einer Pizza, auf der sich Sauce Hollandaise in Kombination mit Brokkoli befand, war der Besuch ein voller Erfolg. Lutz Fiesser und Michel Junge, der damalige Geschäftsführer, erklärten den staunenden Süddeutschen die Welt der interaktiven Exponate. Noch erstaunlicher war für mich damals, dass sich eine solche Einrichtung aus einer Hochschule heraus entwickeln konnte.

Bis dahin waren es die technischen und naturwissenschaftlichen Museen in Deutschland, die das Feld der Ausstellungen mit Konzepten besetzt hatten, die meist nur wenig eigene Aktion des Besuchers zuließen. In den Museen war man gegenüber der ungewöhnlichen Herangehensweise sehr skeptisch, da man den offenen, eher spielerischen Ansatz nicht mit der eigenen Arbeit gleich setzen wollte. Lutz Fiesser stellte mit seinen Ideen die bis dahin etablierte Museumsdidaktik in Frage: Keine Führung, kein Rundgang, selbst erforschen, keine Aufsichten sondern Betreuer. Die Fragestellungen verschoben sich: Der Schwerpunkt liegt nicht bei den Exponaten, sondern der Besucher und sein Erlebnis stehen im Mittelpunkt.

Die rasante Entwicklung der Phänomenta in den ersten Jahren zeigte aber, dass der Professor aus Flensburg richtig lag. In Lüdenscheid, Peenemünde und Bremerhaven entstanden erste Töchter. Andere Science Center wie das Phaeno in Wolfsburg hat er in der Gründungsphase aktiv unterstützt. Die Entwicklung der Science-Center in Deutschland wäre ohne dieses Engagement aber auch ohne das Vorbild Phänomenta sicherlich anders verlaufen.

Die anfängliche Skepsis der Museen ist schon lange verschwunden und viele Häuser haben interaktive Exponate, an denen man selbstständig experimentieren und lernen kann, fest in ihr Konzept mit eingebaut.

Um die Phänomenta aus der Taufe zu heben, bedurfte es eines tatkräftigen Professors, der leidenschaftlich Physiklehrer ausbildete namens Lutz Fiesser, einer Pädagogischen Hochschule, die ihn unterstützte und einer Stadt, die ihm vertraute und bereit war, ihm die notwendigen Gebäude zur Verfügung zu stellen – auch wenn die Gefahr des Scheiterns durchaus bestand.

Wäre die Phänomenta vor bald 30 Jahren streng nur nach betriebswirtschaftlichen Kriterien bewertet worden, hätte es sie nicht gegeben. Konzept und Finanzierung waren aus damaliger Sicht so neu und ungewöhnlich in Deutschland, dass es keine vergleichbaren Einrichtungen gab.

Der unerschütterliche Optimismus und die Fähigkeit, andere Menschen von guten Projekten zu überzeugen und einzubinden, ist auch verantwortlich für den Erfolg der Mini-Phänomenta, die es seit 2003 gibt und mittlerweile in vielen Bundesländern vertreten ist. Bei diesem Projekt kommt – kurz gesagt – die Phänomenta als kleine Ausstellung in die Schulen. Auch außerhalb Deutschlands wie z.B. in Thailand, gibt es mittlerweile „Mini-Phänomentas“. Bei einer Schulung 2015 in Thailand wurde für mich sichtbar, wie die von einem streng hierarchischen Schulsystem geprägten Kinder den selbstbestimmten Umgang mit den durch die Mini-Phänomenta bereit gestellten Exponate genossen. Mit der MiniPhänomenta hat Lutz Fiesser wieder eine anfänglich fixe Idee zu einem Projekt entwickelt, das den naturwissenschaftlichen Unterricht in viele Schulen bereichert.

Seine Ideen sind heute aktueller denn je. Selbst im Zeitalter der Digitalisierung ist die unmittelbare Erfahrung durch nichts zu ersetzen. Wenn wir Menschen für Naturwissenschaften begeistern wollen, müssen wir ihnen die Freude am Phänomen vermitteln. Lutz Fiesser ist und war über Jahrzehnte ein leidenschaftlicher, tatkräftiger und unerschütterlicher Optimist, der mit seinen Ideen naturwissenschaftliche Bildung verändert hat.

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erstellt am 13.Feb.2017 | 12:41 Uhr

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