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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Von der Schweden-Baracke zur Kita

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor 65 Jahren schenkte die schwedische Vereinigung „Rettet die Kinder“ eine der ältesten Kindertagesstätten der Stadt.

Flensburg | Es war eine große Geste der Humanität in der unmittelbaren Nachkriegszeit – ein wichtiger Beitrag, um die Wunden zu heilen, die der Zweite Weltkrieg auch im deutsch-dänischen Grenzgebiet hinterlassen hatte. Im Sommer 1950 stiftet die Vereinigung „Rädda Barnen“ (auf Deutsch: Rettet die Kinder) aus Stockholm der Stadt Flensburg die „Tagesheimstätte“ für Kinder und Jugendliche in der Helenenallee. Der erklärte Wunsch der Schweden ist es, bedürftige Kinder und Jugendliche ohne Rücksicht auf Rasse, Religion, Nationalität und politische Anschauung zu betreuen. „Die Vereinigung Rädda Barnen gibt auch hiermit ihrer innigsten Hoffnung Ausdruck, dass diese Schenkung (...) zum Nutzen und zum Segen des heranwachsenden Geschlechts gereichen möge (...)“, heißt es in der Schenkungsurkunde, die bis heute in der Kita aushängt. Die Tagesheimstätte sei für den ganztägigen Aufenthalt von Kindern, für Hausaufgaben von Schülern am Nachmittag sowie als Treff für Mütter zum gemeinsamen Nähen vorgesehen.

Die Anfrage aus dem fernen Schweden kommt über das Landeswohlfahrtsamt aus Kiel. Am 28. September 1949 meldet sich ein Inspektor und teilt mit, dass ein Erlass unterwegs sei, der den vier schleswig-holsteinischen Stadtkreisen vorschlägt, sich an der von Schweden ausgehenden Aktion „Rettet die Kinder“ zu beteiligen. Es handele sich um die Aufstellung von hölzernen Baracken für Kindergärten, die bereits in Kiel, Lübeck und Neumünster errichtet sind. „Von schwedischer Seite wurde die gesamte Holzlieferung zugesagt“, heißt es in dem Vermerk von 1949. Die deutsche Seite sollte die Bauarbeiten und den Innenausbau beisteuern. Oberstadtdirektor Drews begrüßt das Projekt mit dem Hinweis, in Flensburg müssten unbedingt weitere Kindergärten geschaffen werden. Die britische Militärregierung dränge auf Entscheidung. Und um es den Flensburgern leichter zu machen, fällt noch der Hinweis, die Kinder in der Kieler Schwedenbaracke hätten aus Schweden auch noch Kleidung und Wäschestücke bekommen.

30. Januar 1950: Ein Standort ist gefunden. Die Schwedenbaracke soll auf dem von Stadtbaurat Höft vorgesehenen Platz an der Helenenallee aufgestellt werden. Bedingung: Die Unterbringung der Kinder soll unabhängig von der Volkszugehörigkeit sein.

23. Februar 1950: Die Baracke kann den Planungen zufolge gut 75 Kinder beherbergen. Die Hälfte könne mittags nach Hause – weil die Eltern nur halbtags arbeiten. Ein Nachmittagsangebot soll es für 35 Kinder geben. Und für die Betreuung der schulentlassenen Jugendlichen am Abend sind je 20 Mädchen und Jungen vorgesehen. An einem Mittwoch, dem 9. August, ist es soweit: Das Wohlfahrts- und Jugendamt der Stadt hat für die Übergabe eine kleine Feierstunde organisiert.

Am 15. November vermeldet die Kindertagesstätte Schwedenheim den Eingang einer Sendung aus Schweden. Folgender Inhalt ist protokolliert: 21 Kartons Knäckebrot, drei Kartons Mehl und Zucker, zwei Kisten Käse und Margarine. Doch in der Sendung finden sich längst nicht nur Lebensmittel: eine Schlafcouch, ein Ruhebett, zwei Matratzen, ein Kissen, eine Bettdecke, fünf Betttücher, sieben Kopfkissenbezüge, 42 Handtücher, 16 Kissenschoner, 36 kleine Schlafdecken, vier große Schlafdecken, 33 Wolldecken, fünf Sporthemden, vier Hosen, ein Kleid, 28 Holzbretter, 14 Sporthemden, drei Pullover, zwei Nachtröckchen, 30 Flanellhemden, neun Flanellhosen und vier Kleider.

Die großzügige Spende des Schwedenheims trifft indessen auf weitere Interessierte: In den Akten des Stadtarchivs findet sich aus dem Jahr 1950 ein Antrag des TSB, Abteilung Jugendarbeit, einen Raum der Schwedenbaracke für die jugendlichen Turner zur Verfügung zu stellen. Mit Hinweis auf die offenen Abende mit den Schulabgängern lehnt die Stadt ab.

Mittlerweile betreibt die Stadt Flensburg die Kita an der Helenenallee seit 65 Jahren. 66 Betreuungsplätze gibt es heute. Doch die Jahre der Kinderbetreuung auf dem idyllischen Gelände zwischen hohen Birken sind gezählt. Stadt und der Selbsthilfe-Bauverein wollen hier neuen Wohnraum schaffen. Lediglich die benachbarte Fahrschule, die für die städtischen Planungen nicht weichen möchte, sichert noch die Existenz des Kindergartens. Den Planungen zufolge würde nur ihr Name überleben – in einer neuen Kita mit 40 Plätzen im dritten Bauabschnitt Bahnhofstraße/Helenenallee.

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erstellt am 11.Aug.2015 | 16:00 Uhr

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