Von der Bunker-Ödnis zum Natur-Paradies

Stimmen den Kurs für die Umwandlung einer Bunkerlandschaft zum Natur-Eldorado ab: Initiator Thorsten Roos (2. von links) mit Thomas Hause,  Beate Tjardes und Wolfgang Cornels vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume. Fotos: Schwippert/Roos
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Stimmen den Kurs für die Umwandlung einer Bunkerlandschaft zum Natur-Eldorado ab: Initiator Thorsten Roos (2. von links) mit Thomas Hause, Beate Tjardes und Wolfgang Cornels vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume. Fotos: Schwippert/Roos

Eine Wiege, um vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten in ganz Schleswig-Holstein zu retten: Das soll der "Archepark im Treenetal" werden, zu dem das einstige Eggebeker Munitionsdepot derzeit umgestaltet wird. Für den 19. September ist ein erster Tag der offenen Tür geplant.

shz.de von
22. Juli 2009, 03:59 Uhr

Eggebek | "Bis vor kurzem bestand die Hoffnung, dass sich die Lebensbedingungen für Fledermäuse in Schleswig-Holstein auf natürliche Art verbessern würden", sagt Cordelia Wiebe von der Kieler Schrobach-Stiftung. Ein nachlassendes Interesse an Holz, das nicht industriell zu verwerten war, hatte für mehr alte und tote Bäume gesorgt, die den Tieren als Quartiere dienten. Das ist Vergangenheit, seitdem die explodierenden Energiepreise den Bedarf an Brennholz erheblich steigen lassen. Deshalb setzt die Schrobach-Stiftung für den Fledermaus-Schutz nun auf das einstige Munitionsdepot der Marineflieger in Eggebek: Dort stehen auf einer Fläche von 20 Hektar 23 kleine Bunker, von denen ein Teil als Winterquartiere für die Tiere mit den ausladenden Flügeln "geradezu ideal geeignet sind", wie Wiebe sagt.

"Es brauchen nur die Dächer der Bunker durchlöchert zu werden, und fertig ist ein Paradies für Fledermäuse", erklärt Wiebe. "Kalt, um die vier Grad, dunkel, feucht und abgeschieden" lieben es Arten wie Braunes Langohr oder Großer Abendsegler beim Winterschlaf. Im Sommer leisten sie als Schädlingsvertilger wichtige Dienste für natürliche Kreisläufe. "Fledermäuse fressen nachtfliegende Insekten, zum Beispiel für den Nachtfalter sind sie die einzigen wesentlichen natürlichen Feinde", erklärt der Biologe Thorsten Roos. "Davon profitieren Ackerbau und Forstwirtschaft."

Naturschutz und Landwirtschaft im Einklang: So lautet die Philosophie des Fördervereins Mittlere Treene, dessen Geschäftsführer Roos ist. Er hat die Wiederbelebung des vor vier Jahren geschlossenen Munitionsdepots angestoßen. Vom Aussterben bedrohten Fledermäusen Rückenwind zu verleihen, ist nur ein Baustein des Konzepts. Zahlreichen anderen fast verschwundenen Arten soll es beim Überleben helfen - und so hat Roos das Projekt in Anlehnung an die Geschichte von Noah in der Bibel "Archepark am Treenetal" getauft.

Voraussichtlich am 19. September möchte er das Jahrzehnte abgeriegelte Gelände erstmals bei einem Tag der offenen Tür zugänglich machen. Das kann nur einen Vorgeschmack bieten auf das, was kommen soll. "Wir brauchen noch etwa ein Jahr, bis alles richtig laufen wird", schätzt Roos. Land und EU feilen noch an Details einer grundsätzlich zugesagten sechsstelligen Fördersumme. Hinzu kommt eine juristische Komponente: Damit an den einstigen Bundeswehr-Liegenschaften etwas verändert werden darf, muss die Gemeinde für sie erst ziviles Baurecht herstellen. Der geänderte Flächennutzungsplan liegt derzeit zur Genehmigung im Innenministerium.

Erst im Herbst, so Roos, könne daher die Umgestaltung der Bunker beginnen. Die Ansiedlung von etwa 2000 Fledermäusen erwartet er. In den letzten Wintern bereits erfolgt sind punktuelle Auslichtungen im Wald. So entstehen Licht- und Wärme-Inseln, die Pflanzen und Tieren besonders günstige Lebensbedingungen bieten. Deren Vielfalt ist, weil die Bundeswehr über Jahrzehnte nicht gedüngt hat, schon im voraus größer als in manchem Naturschutzgebiet.

Derzeit werden einzelne Grünland-Abschnitte eingezäunt - Voraussetzung, dass seltene Rinder-, Schaf- und Schweinerassen von September bis März weiden können. "Sie fressen den Aufwuchs vollständig weg und geben so dominanzschwachen Blütenpflanzen Raum", schildert Roos. Durch den Vertritt der Tiere kommt es zu Anrissen im Boden - Keimbetten für die Saat bedrohter Pflanzenarten. Im Schlepptau profitieren Insekten, die im Blütenmeer Nahrung finden. Indem er die Vielfalt von Grünland-Nutzung zeigt, möchte Roos ein Zeichen setzen - gegen die Monotonisierung der Landschaft durch Maisanbau für Biogas-Anlagen. "Der Archepark soll kein Landschaftsmuseum sein mit Bildern aus einer vergangenen Zeit, sondern Orientierung für eine Trendumkehr." Für Angler Sattelschweine, weiße Heidschnucken und Belted Galloways - Rinder, die einen gürtelartigen hellen Streifen aufweisen - hat sich der wirtschaftende Landwirt entschieden, mit dem der Archepark kooperiert.

Die Bunker, die nicht den Fledermäusen zur Verfügung gestellt werden, hat Roos bei schlechtem Wetter als Unterstände für das Vieh vorgesehen. Ein Bunker soll eine Halle für Veranstaltungen werden - denn auch, wenn Tier- und Pflanzenschutz im Mittelpunkt stehen, so ist doch der Mensch ebenfalls ein Faktor des Konzepts: "Die Öffentlichkeit soll natürlich auch sehen, was hier passiert", betont Roos. Deshalb verspricht er für den nächsten Sommer obendrein einen ausgeschilderten Rundweg, eine Aussichtsplattform und regelmäßige Öffnungszeiten.

FRANK JUNG

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