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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Von Altholzkrug quer durch Europa

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Los ging es auf einem Flensburger Hinterhof: Mit Beharrlichkeit sicherte sich die Spedition Carstensen in 123 Jahren ihren Platz am Markt.

Flensburg | Erst seit zwei Jahren steht am alten Güterbahnhof im Handewitter Ortsteil Altholzkrug ein modernes Bürogebäude: das Herz der Spedition Carstensen. Von hier aus schickt das Unternehmen seine 115 Lastwagen, die quer durch Europa unterwegs sind. Doch nur wenige Meter weiter glänzt die lange Geschichte des Familienbetriebs. Vor dem Eingang liegt ein Findling. Ein Schriftzug ist eingraviert: „Chr. Carstensen, anno 1892“.

Die Ursprünge liegen in Flensburg – Harrisleer Straße 42. In der zweiten Reihe, von der Straße nicht einzusehen, befindet sich ein älteres Wohngebäude. Es war vermutlich 1892 die Keimzelle des Fuhrunternehmens, das auf Pferdestärken setzte. Christian Carstensen legte den Grundstein für die inzwischen seit 123 Jahren existierende familiengeführte Firma. Möbel, Holz, Baustoffe, Kohle und Ziegel waren die transportierten Güter der Pionierzeit.

Die Tierhaltung in der Stadt erwies sich allerdings nicht als optimal. Deshalb zog die Familie Carstensen 1912 auf einen Bauernhof in Hüllerupfeld um. Fuhrbetrieb und Landwirtschaft standen damals noch gleichberechtigt nebeneinander. Erst in der Nachkriegszeit errang der Transportsektor eindeutige Dominanz; die Wurzeln der Landwirtschaft sind aber bis zum heutigen Tag erhalten geblieben. In Weding hält die Familie Galloway-Rinder und Ziegen. „Ich bin mit Tieren groß geworden, und auch meine Frau stammt aus einer Familie mit Landwirtschaft“, erzählt Hans Peter Carstensen, der heute zusammen mit seinem Bruder Jens das Unternehmen leitet.

Ihre Vorfahren hatten so manche Schicksalsschläge zu verdauen: 1921 verstarb Gründer Christian Carstensen, ein Jahr später brannte der Hof ab. Noch heute wird vom starken Charakter der Witwe Marie-Helene geschwärmt, die um die Existenz der Familie kämpfte. Das Geld, das die Brandkasse auszahlte, holte die Frau bei der Post ab, stieg direkt in den Zug nach Berlin, verbrachte die Nacht in einem Treppenhaus, um gleich am nächsten Morgen das Geld einem Berliner Kaufmann zu übergeben. Fortan lebte die Familie Carstensen in der Flensburger Straße 20.

Sohn Hans Carstensen übernahm 1930 den Betrieb in Neuholzkrug und erwarb fünf Jahre später später das erste Kraftfahrzeug: ein Lastzug Ford BB, ein Unikum. Dennoch war die Motorisierung beim Familienbetrieb nicht aufzuhalten, ihr endgültiger Durchbruch kam mit der nächsten Generation, mit Christian Carstensen. Noch aus englischer Kriegsgefangenschaft schrieb er an die Lieben daheim: „Ich habe mich entschlossen, ich will Fuhrunternehmer werden.“ Seine erste Anschaffung nach der Übernahme der Spedition 1948: ein Ford V8. Der Fuhrpark wuchs allmählich, die Landwirtschaft hatte keine ökonomische Bedeutung mehr.

Die Laster holten gefüllte Milchkannen von den Bauernhöfen ab, brachten Baustoffe zu Baustellen wie der Briesenkaserne und Kies zur Weiterverarbeitung. In den 60er Jahren hatten die Geschäftsbeziehungen mit dem „Betonwerk Thaysen“ ungeahnte Folgen: Es war lichtblaue Farbe übrig – gratis. Von Hand, mit Spray-Dosen wurden die Karosserien der Fahrzeuge lackiert und erhielten das heutige Wiedererkennungsmerkmal.

Es waren andere Zeiten. Die Fahrer, wie etwa Paul Brandt, lebten damals mit auf dem Gelände und gehörten praktisch zur Familie. Christian Carstensen hatte schwer um die Konzessionen zu kämpfen. Der Güterverkehr auf der Straße war – um die Bundesbahn zu schützen – stark reglementiert. Die Spedition in Neuholzkrug durfte offiziell nur bis kurz hinter Hamburg liefern, bemühte sich stets vergeblich um die „rote“, deutschlandweit gültige Konzession. Aber irgendwie kamen die Nordlichter doch zurecht. „Von Neapel bis zum Nordkap fährt Carstensen im Nahverkehr“, wurde zum geflügelten Wort. Heute ist der Transportsektor auf EU-Ebene weitgehend liberalisiert und geprägt von einem europaweiten Preisdruck.

Die Spedition Carstensen wuchs stetig, begann ab 1982, sich auf dem heutigen Betriebsgelände in Altholzkrug auszudehnen. Die vierte Generation mit den Gebrüdern Hans Peter und Jens Carstensen stieg ein, wobei Jens Carstensen nach der Wende für einige Jahre eine Zweigstelle südlich von Berlin führte. Der Aufkauf des ehemaligen Güterbahnhofs in Altholzkrug samt eigenem Gleis für den Güterumschlag prägte die Entwicklung der letzten Jahre. Die Spedition Carstensen hat heute 180 Mitarbeiter, davon 150 Fahrer, und fährt für Kunden wie die „Flensburger Brauerei“ oder „Mitsubishi Hitec Paper“.

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erstellt am 28.Mär.2015 | 08:15 Uhr

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