Kalligraphie in Flensburg : Vom Zauber fernöstlicher Schriftkunst

Seit 25 Jahren lebt die Flensburgerin Hanako C. Hahne mit und für sino-japanische Schriftkunst – und beendet gerade den dritten Band ihrer Trilogie.

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05. Januar 2015, 16:00 Uhr

Frieden schaffen, dazu will die Schriftkünstlerin Hanako C. Hahne beitragen. Die Flensburgerin lebt seit 25 Jahren mit der sino-japanischen Schriftkunst, einer Schreibkunst, die ihre Wurzeln in China hat und der nur in entspanntem Zustand Ausdruck verliehen werden kann. „In dem ich die fernöstliche Schriftkunst schreibe, überwinde ich Grenzen in der Kunst. Es ist mein Beitrag zum Friedenschaffen.“

Wie die Flensburgerin Frieden findet, daran lässt Hahne die Leser ihrer Buchreihe „Das Leuchten der schwarzen Tusche“ teilhaben. Gerade hat die gelernte Druckgrafikerin den dritten und letzten Band geschrieben. Er wird im Frühjahr erscheinen. In dieser abschließenden Arbeit ihrer Trilogie gehe es um Versöhnung, Leichtigkeit, heitere Gelassenheit und das Schaffen von Frieden, erklärt die Künstlerin. Die ersten beiden Bände handeln von allumfassender Liebe, von Freude und Licht.


Asien trifft Europa

Die Flensburgerin sitzt in ihrem Atelierhaus an der St.-Jürgen-Straße 51. Auf dem runden Tischchen am Fenster im Erdgeschoss dampft grüner Tee in altem feinen Porzellan. Bei aller Versenkung in die asiatische Kultur gibt Hanako C. Hahne heimischen Gütern nach wie vor Raum. Über die vier Stockwerke verteilt stehen aufgearbeitete alte Möbel europäischen Ursprungs. Selbst für einen Teil ihrer asiatisch begründeten Schriftbilder greift die Mutter dreier erwachsener Kinder auf hiesiges Strandgut, Holzreste, Sand und anderes Material zurück. In dem weißen Haus an einer der wohl idyllischsten Straßen der Stadt treffen asiatische auf europäische Lebens- und Ausdrucksformen. Hanako C. Hahne führt sie zusammen – schafft Frieden im Haus.


Disziplin und Yoga
 

Die Flensburgerin hat als junger Mensch vieles in Kauf nehmen müssen und am Ende nicht akzeptiert. Ihr Vater, den sie als genial aber schwierig beschreibt, forderte von der Tochter das Erlernen eines Lehrberufs. Zahnarzthelferin sollte es sein. Doch seine Tochter mochte den „anständigen Beruf“ nur eine kurze Zeit ausüben. „Ich wollte schon als kleines Mädchen immer Künstlerin werden“. Von dem erlernten Maß an Disziplin profitiere sie allerdings heute noch. Auch Weihnachten hat die grauhaarige Künstlerin in guter Erinnerung. „Da war bei uns immer Frieden.“ Deshalb schließe sich ein Kreis in ihrem Leben, da sie ihre Trilogie über Liebe und Frieden und meditative Kunst zur Weihnachtszeit abschließe.

Als junge Ehe- und Geschäftsfrau zieht Hahne nicht nur ihre beiden Kinder groß. Nebenher studiert sie Druckgrafik in Flensburg und Kiel. Einer ihrer Lehrer war Ekkehard Thieme. Zusätzlich lernt sie Yoga bei der Ballettmeisterin Anna-Lisa Martens. Hahne lässt sich in indischer Lebenslehre ausbilden, und entdeckt die Zen-Meditation für sich. Der meditative Weg führt immer weiter nach innen und eröffnet Hahne gleichzeitig Welten. Erfüllung und Erkenntnishunger lösen einander ab. „Irgendwann sah ich Schriftzeichen vor mir und wusste in dem Moment: Das, was ich immer gesucht hatte, hatte ich in diesen Schriftzeichen gefunden.“


Kalligrafie macht high

Hahne ändert ihr Leben komplett und taucht in die Welt der Kalligrafie ein. Die Flensburgerin studiert fünf Sommer lang bei dem Japaner Nangaku Kawamata in Hamburg. Der Kunstprofessor habe ihren starken Zugang zur Kalligrafie gespürt, sagt Hahne. „Ich konnte meditieren, das hat er gemerkt.“ Nach einem Tag Kalligrafie sei sie ganz high gewesen, was üblicherweise nach jeder Meditation so sei. Der Japaner nennt seine Schülerin Hanako (Blumenkind). Hahne macht den Namen zu ihrem Vornamen und ist mitten drin im neuen Leben.

Der Moment zählt

Jedem Schriftbild stellt Hahne in ihren Büchern eine eigene Haiku-Dichtung voran. Die Flensburgerin nennt ihre Dreizeiler Shinku. Die Wortkreation bedeutet so viel wie: künstlerischer Vers, der aus dem Herzen fließt. Im ersten Band hat Hahne dem Schriftbild „Absichtslos“ folgenden Dreizeiler zugeordnet: „Absichtslosigkeit – Kommt direkt aus dem Herzen – Spontan-urplötzlich“.

Dieser Vers benennt, worauf es beim fernöstlichen Schönschreiben und einer darüber hinausgehenden Kunst ankommt. Nur wer loslasse, wer sich nach innen kehre und wer meditiere, könne die schwarze Tusche fließen lassen, sagt sie. Das Unbewusste führe den Pinsel, bewusstes Denken behindere das Gelingen. „Beim Kalligrafieren kommt es auf das vollkommene Jetzt an.“ Das, was passiere, bedürfe keiner Bewertung.

Schriftbild für Schriftbild habe Hahne ein Vierteljahrhundert lang bis zum Vergessen geübt, um jedes Schriftzeichen erst unbewusst zu finden, berichtet sie: „Wenn sich die Gedanken verlieren, beginnt es in mir zu schreiben.“

In den 25 Jahren hat Hahne nicht nur die klassische Kalligrafie gelernt, sondern auch die bis 4000 Jahre zurückgehenden chinesischen Schriftstile. Seitenweise füllte die Kalligrafieschülerin alte Telefonbücher. Kam zur Ruhe, nahm einen Pinsel, tauchte die Spitze in wertvolle Tusche und ließ Atem und Arm fließen. „Der Atem ist die Verbindung zur göttlichen Energie.“

Hahne wuchs über das reine Handwerk der fernöstlichen Schriftkunst hinaus, und hat ihr Können zur Kunst gemacht. Schon lange gibt die mehrfache Großmutter ihr Wissen weiter, führt in Kursen oder Privatunterricht in das fernöstliche Schönschreiben ein. Selbst in das Land der aufgehenden Sonne wurde die Deutsche eingeladen, hat dort japanische Grundschüler in Kalligrafie unterrichtet und ihre Kunst gezeigt. In vielen Museen stellte Hahne ihre Arbeiten aus und führte ihre Schriftkunst beim „Tanz mit dem Pinsel“ vor.


Glück im Leiden finden

„Ich kann die Menschen inzwischen glücklich machen mit meiner Stille. Das macht stark“, sagt Hahne, die im Giebel des Hauses einen Meditationsraum eingerichtet hat. In stundenlanger Zen-Meditation habe sie gelernt: „Der Urgrund des Seins ist Stille. Aus der Liebe, aus der Harmonie heraus.“ Um Erkenntnisse wie diese geht es in der Trilogie von Hahne. Die Flensburgerin denkt über Begeisterung und Disziplin (Band I) nach, schreibt über Stille (Band II) und findet am Ende Frieden. Als sehr passend empfindet Hahne es, dass sie Arbeiten von sich in der diesjährigen internationalen Friedensausstellung in Kiel zeigen durfte. Im April werde sie 70 Jahre alt, sie sei so alt, wie in Deutschland Frieden herrsche.

Heute kann Hanako C. Hahne gelassen sagen: „Das Glück finden wir immer erst im Leiden. Und wenn wir in der Mitte des Leidens sind, löst es sich auf. Dann beginnt Frieden.“

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