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Deutsches Institut für Normung (DIN) : Vom Suchen und Finden von Normen

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Vom DIN-A4-Papier über den Butter-Härtegrad bis zu Datei-Formaten - unser Alltag ist genormt. Die Arbeit in einem DIN-Ausschuss ist mühsam und manchmal erstaunlich, weiß Professor Rösener.

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erstellt am 29.Nov.2014 | 15:50 Uhr

Flensburg | Christoph Rösener gibt es unumwunden zu: „Das ist eine sehr trockene und sehr komplexe Angelegenheit“ - aber eine mit weltweiter Ausstrahlung und finanziellen Folgen für die Wirtschaft in Millionenhöhe. Rösener, im Hauptberuf Professor für Internationale Fachkommunikation an der Fachhochschule Flensburg, übt ein besonderes Ehrenamt aus: Er arbeitet im Normenausschuss Terminologie (NAT) des Deutschen Instituts für Normung e. V. (DIN) mit.

Wer da rein darf, das entscheiden die Mitglieder des Ausschusses. Im positiven Fall ist man auf Lebenszeit dabei, wenn man dranbleibt - oder durchhält, je nach Perspektive. Das Institut - den meisten wohl bekannt von Papierformaten wie DIN A4 - kümmert sich in den verschiedensten Bereichen um Normungen, ob es nun um den Härtegrad von Butter oder um die Spülmaschinenfestigkeit von Geschirr geht. Etwa 30.000 Menschen engagieren für das Institut, Rösener ist seit knapp einem Jahr einer von ihnen. „Beim ersten Treffen habe ich nichts verstanden“, erinnert er sich schmunzelnd. Ein „Akronymsturm“ brauste ihm entgegen, alle unterhielten sich in Abkürzungen.

Sowohl Hochschulmitglieder als auch Industrievertreter tummeln sich in dem Ausschuss. Letztere müssen aber quasi Eintritt zahlen, weil sie unter Umständen Vorteile erlangen, wie Rösener erklärt. Sollte sich etwa ein Papierhersteller für eine Änderung des Formates einsetzen, weil er vielleicht genau in diesem Format massenweise Papier auf Lager hat, dürfte der wirtschaftliche Vorteil enorm sein. „Wenn sie normenkonform sind, haben sie den Markt für sich.“

Für Wissenschaftler dagegen liege der Mehrwert darin, immer auf dem aktuellen Stand zu sein. „Wir müssen immer aktuell bleiben, und wenn sich sprachlich etwas ändert, gucken: Stimmt das noch, was wir sagen?“ In Röseners Ausschuss sitzen weniger Industrievertreter, aber doch einige Angehörige der Sprachindustrie. Kürzlich stritten sich die Experten darum, ob bei Übersetzungen ein Vier-Augen-Prinzip die Norm sein soll - „da haben Einzelübersetzer keine Chance“, erklärt Rösener die Konsequenzen dieses Prinzips. Gewerkschaftsvertreter protestierten, weil Freiberufler ausgeschlossen würden.

„Knallhartes marktwirtschaftliches Interesse“ spiele bei der DIN-Arbeit eine Rolle. „Wenn es etwa um die Anforderungen an Maschinen geht, ist es für Hersteller wie Betreiber selbstverständlich wichtig, am Prozess mitzuwirken“, sagt ein Sprecher der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) zur Bedeutung der Ausschuss-Mitarbeit von Industrievertretern für die Wirtschaft. „An Normungen sollten alle interessierten Kreise teilnehmen, damit die Ergebnisse möglichst weit akzeptiert werden. Auch das Konsensprinzip und die Beteiligung der Öffentlichkeit gehört deshalb zu den Grundprinzipien des DIN.“ Rösener und seine Kollegen im Terminologie-Ausschuss kümmern sich derzeit unter anderem darum, wie xml-Formate festgelegt werden, also Austauschformate in der elektronischen Datenverarbeitung. Wenn etwa Kanada ein ganz anderes Format haben sollte als das, was festgeschrieben werden soll, gibt es Ärger. „Dann sagen die Industrievertreter, dann muss die ganze Sprachindustrie in Kanada alles neu machen, das kostet Millionen.“ 

Auf internationaler Ebene sei die Arbeit daher sehr schwierig. „Um geringste Änderungen kann dabei manchmal jahrelang gestritten werden.“ Auch für Rösener selbst ergaben sich in diesen sogenannten ISO-Ausschüssen (International Organization for Standardization) völlig neue Erfahrungen: „Ich habe vorher noch nie mit Kolumbianern über Normen gesprochen.“ Seine Arbeit erklärt Rösener so: „Wir schaffen ein Regelwerk, wie man Sprache handhabt.“ Als er selbst noch in der Sprachindustrie arbeitete, hat er für einen Autokonzern Fachbegriffe überprüft und 27 Bezeichnungen für ein einziges Bauteil festgestellt. „Wir können von der sprachlichen Seite Ordnung schaffen in dem Bereich.“

Um „Eineindeutigkeit“ geht es dabei, eine Benennung pro Begriff, um die Schaffung eines Regelwerkes, mit dem andere dann Normen schreiben können, um die Frage: Was macht einen Gegenstand aus? Manches könnte aber ein Kampf gegen Windmühlenflügel sein, denn wer schert sich schon darum, dass die Glühbirne eigentlich eine Glühlampe ist - schließlich handelt es sich ja nicht um Obst. Auch der Schraubenzieher ist eigentlich ein Schraubendreher. Aber den Volksmund interessiert das wohl weniger.

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