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Ausbildungsprojekt in Flensburg : Vom Flüchtling zum Lehrling

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Einer von 18 jugendlichen Flüchtlingen mit konkreter Perspektive: Mustafa Ahmadi wird nach zehn Monaten in Deutschland Metallbau-Azubi

Es ist zehn Monate her, dass Mustafa Ahmadi (17) nach Deutschland geflohen ist. Mustafa spricht schon ein bisschen Deutsch, versteht noch viel mehr und ist handwerklich vorgebildet: Zu Hause in Afghanistan hat er schon in der Metallwerkstatt des Vaters mitgearbeitet. Mustafa ist einer jener 24 jugendlichen Flüchtlinge aus den beiden Häusern der Jugendhilfeeinrichtung Sternipark in Satrup und Quern, die seit Anfang Oktober bei der Handwerkskammer in einer Mischung aus Sprachunterricht und Berufspraxis auf eine Lehrstelle vorbereitet werden. Das Projekt hat mittlerweile 70 Teilnehmer in mehreren Gruppen, und die nächsten für den Sommer stehen schon in den Startlöchern.

Von der 24-köpfigen Pilotgruppe vom Oktober haben 21 durchgehalten. In der Berufsvorbereitung mit schwieriger Klientel gilt das als sensationelle Quote. Und von diesen 21 haben 18 einen Ausbildungsplatz oder ein Jahrespraktikum ergattert – das sind 85,7 Prozent, eine traumhafte Vermittlungsquote.

Einer von ihnen ist eben der junge Afghane Mustafa. Er fängt im Sommer seine Ausbildung als Metallbauer bei Activmarine im neuen Gewerbegebiet Peelwatt an. Geschäftsführer Martin Enkelmann hat zuletzt zwei Jahre vergeblich einen geeigneten Azubi gesucht, weshalb der 50-Mitarbeiter-Betrieb mit der Ausbildung aussetzen musste. Nachdem Mustafa ein mehrwöchiges Praktikum absolviert hatte, stand für Enkelmann fest: „Wir wollen das machen, weil wir ein chancenoffenes Unternehmen sind.“ Activmarine könnte für Mustafa zum Glücksfall werden – obwohl Martin Enkelmann das bestimmt so nicht sagen würde. Er sagt es eher so: „Wenn die Menschen bereit sind, Leistung zu bringen, hat jeder eine Chance verdient. Letztlich hat Herr Ahmadi es sich selbst verdient.“ Und Enkelmann setzt noch eines drauf angesichts des Fleißes und der Motivation seines jüngsten Mitarbeiters: „Rechtspopulisten werden hier eines Besseren belehrt – und das finde ich ganz wunderbar.“ Um in seinem Unternehmen, in dem viele Mitarbeiter „mit kruden Abschlüssen“ arbeiteten, genügten ein schlechter Hauptschulabschluss und die richtige Einstellung für eine Karriere.

Dass Jugendliche wie Mustafa oder der Pakistaner Tariqazaz Otmankhel überhaupt so eine Lehrstelle antreten können, verdanken sie auch dem Träger Sternipark, der insgesamt 150 geflüchtete Jugendliche betreut und zum Beispiel Tariqazaz täglich von der Wohnung in Quern in seinen Silberstedter Elektrobetrieb Lilienthal fährt und abholt.

Das Flensburger Projekt ist nach Angaben von Björn Geertz von der Handwerkskammer bundesweit einmalig: „Das Einzige, was wir wussten: Die Jugendlichen sind hochmotiviert“, sagt er über den Start im Herbst – und die Projektverantwortliche Katarzyna Hill ergänzt: „Das sind topmotivierte Leute, die wir zur Pause zwingen mussten.“

Den Löwenanteil der Projektgelder zahlt die Agentur für Arbeit in Flensburg. Im Handwerk werde man zuerst die Schwierigkeiten der Nachwuchssuche erleben, sagt Agenturchef Hans-Martin Rump. In fünf Jahren drohe hier Fachkräftemangel – und dann könnten diese Jugendlichen schon soweit sein. Rump sagt, ihn überzeuge vor allem das Konzept aus Spracherwerb und praktischen Fähigkeiten: „Das ist nach meiner Beobachtung wesentlich nachhaltiger.“

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erstellt am 08.Jun.2016 | 23:26 Uhr

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