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Vortrag : Vom anderen Ende der Welt zurück auf Anfang

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Manfred Jurgensen, Flensburger und Australier, liest im Medienhaus

Diese Reise wird seine letzte nach Flensburg sein, sagt Manfred Jurgensen unumwunden. Umso wichtiger ist sie ihm – und gewiss umso emotionaler. Der Weg führe ihn in seine Geburtsstadt, „weil ich im Alter von 76 Jahren zurückfinden möchte zu meinem Lebensanfang“, erklärt Jurgensen, der seit 1961 in Australien lebt. Langstreckenflüge seien erst recht in seinem Alter zu anstrengend. Außerdem empfindet er Europa als „menschlich herausfordernd“. Der Literaturwissenschaftler vergleicht den Kontinent mit einer „zu lang vermissten Geliebten, die längst eine andere geworden ist“.

Manfred Jurgensen wurde 1940 in Flensburg geboren und 1965 Australier. Bis 1999 hat der Literaturwissenschaftler an der University of Queensland die Germanistik-Fakultät geleitet. Am Montagabend liest er im sh:z-Medienhaus.

„Meine Romane sind fiktionalisierte Lebensgeschichten; meine Lyrik sucht die Seele und den Geist menschlicher Erfahrung zu erfassen, vor allem in existenziellen Herausforderungen.“ Die Bücher, die er für die Lesung ausgewählt habe, versteht der Träger des Bundesverdienstkreuzes (1997) als „Geschenke an Leser, die mich nicht kennen, alte Freunde, die mich vergessen haben, und andere, die sich vielleicht in einigen Dingen, die ich geschrieben habe, wiedererkennen.“

Die Werke tragen Titel wie „Kleiner Grenzverkehr“ oder „Mein Gestern“. Über Flensburg habe er schon früh zu schreiben angefangen. „Es war Teil einer Flucht von der Familie, unter der ich sehr gelitten hatte“, gibt er ehrlich zu. Jurgensen, der im Knabenchor Sophiesminde sang, erinnert sich, dass er ein einsames Kind gewesen sei und eher freundschaftliches Zutrauen zu Straßen und Gebäuden hatte – denn zu Menschen.

Eine „Flucht“ gelang ihm zum ersten Mal als Teenager mit einem Austauschjahr in den Vereinigten Staaten von Amerika. Er habe die Zeit als Kulturschock in einer heilen Welt erlebt und die Rückkehr als Einschnitt, Rückschnitt, sogar als Verfremdung. „Und doch blieb es ein Ort der Gemeinschaft, den ich nicht leichten Herzens nach dem Abitur verließ.“

Als er in Australien ankam, habe er sich nicht „halbiert“, betont der Autor und wirbt dafür, zu versuchen, „uns selbst zu globalisieren“. Für sich weiß er: „Ich bin da und hier und gehöre überall hin.“ Heimat sei eine Fiktion, eine Erfindung. „ Die Heimat des Menschen ist das Leben.“

Was er geschrieben hat, ist in 15 Sprachen übersetzt worden. Jetzt, mit Mitte 70, müsste er sich nicht mehr Nächte um die Ohren schlagen, um kluge Gedanken zwischen zwei Buchdeckel zu bringen. Aber Jurgensen hört nicht auf: „Ich schreibe immer weiter, weil es mein Leben ist“, heißt seine simple Erklärung. Gerade arbeitet er an zwei weiteren in Berlin: an einem akademischen (über die Unterschiede zwischen anglo-amerikanischer und deutschsprachiger Literatur) und einem literarischen mit dem Arbeitstitel „Angst vor Deutschland“. Darin geht es um einen sterbenden Mann, der nach 55 Jahren in seine Geburtsstadt zurückzukehren sucht, aber sich lange nicht aus Berlin hinauswagt. Das andere Deutschland, das er dort erlebt, verunsichert ihn.

Ob die Ähnlichkeiten zu seinem Leben zufällig sind oder gewollt, wird der Musikliebhaber Jurgensen am Montag sicher klären. Und auch gern nach der Lesung mit Zuhörern über seine Wahl-Heimat reden. Dort in Brisbane erwarten ihn seine Frau Ulrike und Kater Shelley im Juli zurück. Mit neuen Eindrücken seiner alten Heimat. Manfred Jurgensen betont: „Ich identifiziere mich mit meiner Geburtsstadt, weil hier alles seinen Anfang nahm.“

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