Vorwurf der Vertuschung : Vollnarkose bei Zahn-OP: Flensburger Studentin wird Pflegefall

Glücklich und strahlend:  Anja Gade vor der verhängnisvollen Operation.
Glücklich und strahlend: Anja Gade vor der verhängnisvollen Operation.

Die 27-jährige Anja Gade ließ sich in einer Praxis die Weisheitszähne ziehen – mit dramatischen Folgen.

shz.de von
23. Januar 2018, 07:00 Uhr

Flensburg | Sie war jung, lebenslustig, kerngesund. Hatte große Pläne und steckte voller Tatendrang. Dann schlug das Schicksal zu. Fast auf den Tag genau vor fünf Jahren ließ sich Anja Gade in einer Praxis alle vier Weisheitszähne ziehen. Die Operation verlief komplikationslos – doch die Folgen waren dramatisch.

Nach der Narkose durch in Hamburg ansässige, reisende Anästhesisten kam sie nie wieder richtig ins Leben zurück. Die Eltern werfen den Ärzten grobe Fehler und versuchte Vertuschung vor. „Eigentlich“, sagt Joachim Gade, „dürften sie nicht mehr praktizieren.“ Das ist ein Grund, warum die Familie den Fall jetzt öffentlich macht. „Das sind wir unserer Tochter schuldig.“

Es ist der 15. Januar 2013, als die BWL-Studentin den Eingriff in einer Praxis für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie vornehmen lässt. Sie hat nach ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau ihr Grundstudium gerade hinter sich. Nach der Zahnextraktion, so schildern die Eltern, seien sie angerufen worden, damit sie ihre Tochter abholen konnten. Doch Anja wacht nicht auf. „Wir wurden immer wieder vertröstet“, sagt Susanne Gade. „Ich spürte, irgendetwas stimmt nicht.“

Spaziergang im Grünen: Rechtsanwalt Klaus Fischer, Joachim, Susanne und Anja Gade (v. links).
Gunnar Dommasch
Spaziergang im Grünen: Rechtsanwalt Klaus Fischer, Joachim, Susanne und Anja Gade (v. links).
 

Erst nach vier Stunden Transport ins Krankenhaus

Nach geschlagenen zwei Stunden sei sie am Behandlungsraum vorbeigekommen, die Tür einen Spalt offen. „Meine Tochter lag dort mit Streckkrämpfen. Hochroter Kopf, weit aufgerissene Augen.“ Einer der Anästhesisten habe ihr daraufhin erklärt, es sei wohl zu einem Medikamentenüberhang gekommen. Susanne Gade, gelernte Krankenschwester, weicht nun nicht mehr von der Seite ihrer Tochter.

Nach fast vier Stunden hätten sich die Anästhesisten endlich entschlossen, einen Krankentransport anzufordern. In der Diako habe einer von ihnen einen unauffälligen Narkoseverlauf übermittelt. Der Vorwurf der Eltern wiegt schwer: Im Narkoseprotokoll sei von normalen Sauerstoffsättigungswerten die Rede, Komplikationen habe es nicht gegeben. Zudem sei die erste Stunde nach OP-Beginn nicht aufgeführt worden. „Die Stunde“, so Susanne Gade, „in der etwas vorgefallen sein muss.“

Fest stehe, dass die Mediziner in der Diako wegen „nachweislich falscher Angaben“ zunächst auf den falschen Weg geführt worden sind, sagt Anwalt Klaus Fischer, Rechtsbeistand der Familie, die vor dem Landgericht klagte. „Im Zuge der Behandlung meiner Mandantin stellte sich heraus, dass bei ihr ein schwerer Sauerstoffmangel vorgelegen haben muss, der zu einem hypoxischen Hirnschaden geführt hat.“

Anästhesisten sollen Reanimation verschwiegen haben

Der Fachanwalt für Medizinrecht zieht einen Spezialisten hinzu, der zum Schluss kommt, dass es während der Aufwachphase zu Komplikationen gekommen sein muss: „Das Narkoseprotokoll sei mit dem Schädigungsbild nicht in Einklang zu bringen.“

Tatsächlich ergibt ein Zufall, dass die Zahnärztin, die die Zahnextraktion vorgenommen hatte, eines Tages mit dem Chefarzt der Diako-Anästhesie ins Gespräch kommt und diesem nach Angaben Fischers berichtet, dass sie im Falle von Anja Gade Zeugin einer Reanimation durch die beteiligten Narkoseärzte geworden sei. Diesen Sachverhalt bestätigt sie später vor dem Flensburger Gericht. „Auch diese Information“, sagt Fischer, „ist dem Krankenhaus damals vorenthalten worden. Andernfalls wäre eine hirnschonende Behandlung angezeigt und auch möglich gewesen.“ Bei ordnungsgemäßer Überwachung hätte sich bei einer gesunden Patientin ein derartiger Vorfall vermeiden lassen.

Fischer recherchiert weiter, findet heraus, dass es bei einem der Hamburger Anästhesisten in einem ähnlich gelagerten Fall zu einer strafrechtlichen Verurteilung und zu einem Schadenersatzanspruch einer im Wachkoma liegenden Geschädigten gekommen sei.

Der Hirnschaden fesselt Anja Gade an den Rollstuhl

Schadenersatz gibt es auch für Anja Gade. Nach der Beweisaufnahme ist es zu Vergleichsverhandlungen gekommen. Die Versicherungsfragen werden nach langem Hin und her einvernehmlich geklärt – bis hin zu einem „fairen Kompromiss“, wie die Eltern es formulieren.

Ihre Tochter lebt jetzt schwerstbehindert in einer stationären Einrichtung. In ihrem Zimmer hängen Fotos aus einer glücklichen Vergangenheit. Sie sei sportlich aktiv gewesen, sagt die Mutter, sensibel, empathisch. Durch den Hirnschaden ist sie an den Rollstuhl gefesselt, sie kann nicht selbstständig essen, das Sprachvermögen ist zum Erliegen gekommen. Sie ist pflegebedürftig rund um die Uhr.

Die Anästhesisten, die sie behandelt haben, haben zu dem Vorfall auf Anfrage von shz.de keine Stellung genommen.

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