Schleswig : Volle Auftragsbücher und reichlich Azubis

Die Kreishandwerkerschaft Schleswig blickt optimistisch in die Zukunft – aber die Nachwuchsgewinnung bereitet zunehmend Sorgen.

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28. März 2017, 19:37 Uhr

40 Mitarbeiter zählen zum Baugeschäft von Nils Autzen, hinzu kommen acht Lehrlinge – eine Ausbildungsquote von 20 Prozent. Und das ist auch notwendig, sagt der gelernte Zimmermann und Diplomingenieur. Denn einerseits boomt der Bau, auf der anderen Seite jedoch steigt auch der Bedarf an qualifiziertem Personal. Und das, so sagt der stellvertretende Kreishandwerksmeister (Schleswig) aus Treia, müssen die Betriebe in zunehmenden Maße selbst ausbilden, weil der Markt es nicht mehr hergibt. So blickt das Handwerk in der Region auf ein gutes Jahr zurück und ein weiteres gutes Jahr voraus. Doch ganz sorgenfrei können die Handwerksbetriebe nicht sein.

Über einen Kamm scheren könne man die Handwerksbranchen nicht, sagt Randolf Haese, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Schleswig (KHS), aber in Toto sei das vergangene Jahr für das Handwerk erfolgreich gewesen. Insbesondere das Baugewerbe mit den angeschlossenen Nebengewerken habe sich erneut über prall gefüllte Auftragsbücher gefreut. Sowohl im privaten wie im gewerblichen Bereich habe sich die anhaltend gute Konjunktur und eine zunehmende Investitionsbereitschaft dank niedriger Zinsen niedergeschlagen. „Nur die öffentliche Hand müsste mehr investieren“, sagt Kreishandwerksmeister Hans Christian Langner.

Nicht so gut hingegen sei die Lage im Fleischerhandwerk und im Bäckerhandwerk. In diesen Bereichen habe sich das Konsumverhalten geändert. Und durch Gebäck- und Frischfleisch-Angebote in Supermärkten und bei Discountern habe sich auch der Wettbewerb maßgeblich zu Lasten des Handwerks entwickelt.

Allen Gewerken gemein ist neben der Freude über eine feste Konjunktur ein mehr oder weniger banger Blick auf den demografischen Wandel. Prognosen gingen davon aus, dass die Zahl der Lehrlinge bis zum Jahr 2025 um 23,6 Prozent zurückgehen, erklärt Haese. Niemand wisse heute, ob es tatsächlich so kommen wird, aber eine Herausforderung für das Handwerk sei dies auf jeden Fall. Eine Herausforderung, der sich die Betriebe im Kreis schon heute stellten, betont Kreishandwerksmeister Langner.

Zahlen belegen das: Bei den 328 Mitgliedsbetrieben im Altkreis Schleswig, dem Zuständigkeitsgebiet der KHS Schleswig, werden aktuell 449 junge Menschen ausgebildet, das sind 102 mehr als 2014. „Wir sind alle händeringend auf der Suche nach jungen Leuten, die was wollen“, sagt Autzen. Noch funktioniert das in den meisten Gewerken, doch es gibt schon jetzt Ausnahmen. So habe es im vergangenen Jahr nicht einen neuen Auszubildenden im Friseurhandwerk gegeben, so Haese.

Das Handwerk in der Region biete sichere Perspektiven, hebt Autzen hervor. „Wer sich entscheidet, im Handwerk zu lernen, der findet auch ganz sicher eine Lehrstelle.“ Insofern unterscheide sich die Lage im Kreis noch grundsätzlich von der Lage in Ballungsgebieten. Haese: „Bei uns ist das Handwerk ein starker Wirtschaftsfaktor. Die Region ist vom Handwerk geprägt.“ Mithin gibt es auf dem Arbeitsmarkt weniger Konkurrenz um junge Menschen.

Ein Vorteil, der allerdings auch nicht generell gelte, gibt Kreishandwerksmeister Langner zu Bedenken. Aus dem Elektrohandwerk wisse er, dass viele Betriebe darunter leiden, dass ihnen entweder die Bewerber oder gar frisch ausgebildete Fachkräfte abgeworben werden, etwa von Unternehmen aus der Windkraftbranche oder Versorgungsbetrieben.

Trotz der noch ausreichenden Zahl an Bewerbern ist Langner, Autzen und Haese klar, dass sich die Situation auch angesichts einer immer deutlicher hervortretenden Akademisierung der Gesellschaft verschärfen dürfte und das Auswirkungen auf die Betriebe haben wird. Eine deutlich besser informierte und zunehmend anspruchsvolle wie kritische Kundschaft trägt ebenso ein Teil dazu bei, dass die Betriebe ihre Ausbildung verändern. „Heute ist nicht nur das Fachliche wichtig. Wir müssen auch Teams formen und aktiv am Betriebsklima arbeiten“, betont Autzen. Denn nur, wer sich wohlfühlt, bleibt. In diesem Zusammenhang zitiert Haese eine aktuelle Befragung von Handwerkern, die nach fünf Jahren ihren Arbeitgeber im Bauhandwerk verlassen haben. Die überwiegende Zahl gab nicht wirtschaftliche Gründe an, sondern sagte: „Es lag am Betriebsklima.“ „Wir müssen den jungen Menschen Stabilität vermitteln“, sagt Langner. Dazu gehöre, dass in der Ausbildung Betriebe, Eltern und auch Schule an einem Strang ziehen müssten.

Mit ihren Lehrwerkstätten spielen auch die Kreishandwerkerschaften eine wichtige Rolle. Gerade in technischen Berufen bilden sie das Rückgrat der Ausbildung. Das bedingt aber auch, dass sie technisch stetig nachrüsten müssen. So investiert die KHS derzeit in eine neue Werkstatt für den Bereich Sanität, Heizung, Klima. 100    000 Euro kostet diese Investition in die Zukunft, für die es keinerlei Fördermittel gibt, sagt Haese und hebt die erheblichen investiven Fördermittel für Schulen und Berufsschulen hervor. „Wir fühlen uns schon ein wenig ungleich behandelt.“

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