zur Navigation springen
Flensburger Tageblatt

19. Oktober 2017 | 11:59 Uhr

Viermal Weihnachten an der Förde

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie in Flensburg Christen, Juden, Muslime und Griechisch-Orthodoxe die Feiertage begehen

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2015 | 00:32 Uhr

Weihnachten ist neben Ostern das bedeutendste christliche Fest mit allein zwei gesetzlichen Feiertagen in Folge. In Flensburg sind neben dem Christentum viele weitere Religionen zu Hause. Wie verbringen eigentlich Menschen, die nicht der evangelischen oder katholischen Kirche Deutschlands angehören, diese Festtage? Und was bedeutet Weihnachten für eine ganz normale christliche Familie? Wir haben die jüdische Gemeinde, eine griechische Familie, eine syrische Flüchtlingsfamilie und eine Familie auf der Westlichen Höhe besucht.

Christliche Weihnachten



Anke Lüneburg und ihre Tochter Jenny haben heute um 15 Uhr einen wichtigen Termin: Krippenspiel in St. Marien beim Gottesdienst an Heiligabend, Anke spielt die Wirtin, die den Stall anbietet, Jenny ist Maria. Das christliche Element spielt bei den Lüneburgs eine wichtige Rolle. Jenny ist Konfirmandin und hat vor allem beim sommerlichen Konfi-Camp in Neukirchen positive Erfahrungen gemacht, die sie zum Glauben hingeführt haben. In der Goethe-Schule singt sie im Mittelstufenchor, ihr Liebslingslied zur Weihnacht ist „Feliz navidad“ – „aber mit dem englischen Part in der Mitte!“

Anke Lüneburg engagiert sich in der Gemeinde St. Marien, ist eine „Kirchenhüterin“, die Besuchern Fragen zur Kirche beantwortet. „Wir fühlen uns in dieser Gemeinde sehr wohl“, sagt sie. Beim Ostergottesdienst frühmorgens um 6 hat sie geholfen.

Die 13-jährige Jenny legt Wert auf Traditionen und Rituale, und darum besteht sie darauf, dass Vater Jan Lüneburg auch in diesem Jahr wieder den bewährten Rinderbraten zubereitet. Der wird bei 80 Grad sehr langsam gegart, der Clou ist die Lebkuchensauce. Zu klein darf er nicht ausfallen, denn wie immer kommen gute Freunde am Heiligabend vorbei. 

Griechisch-orthodox



Ostern und Weihnachten sind im griechisch-orthodoxen Glauben die wichtigsten Kirchenfeste, traditionell wird mit intensiver Familienbegegnung gefeiert. Heiligabend sind in Griechenland tagsüber die Kirchen geöffnet, meist ziehen Kinder, aber auch Erwachsene, von Haus zu Haus und verkünden singend die Geburt Christi und sammeln für gute Zwecke. Der klassische Kirchgang findet am Ersten, dem heiligen Weihnachtstag, statt – so auch in Flensburg: Der ‚Pope‘ kommt dafür extra aus Hamburg, um in St. Johannis den Gottesdienst abzuhalten. Geschenke tauschen die Familien traditionell am 1. Januar aus, der Neujahrstag ist dem Heiligen Wassilis gewidmet, dem griechischen ‚Weihnachtsmann‘. „In dieser Hinsicht sind wir jedoch gewissermaßen europäisiert“, sagt Stelios Antoniuo aus Flensburg. Sowohl in der Heimat wie auch hier gibt es Geschenke an Heiligabend. Mit seinen Geschwistern und deren Kindern sind alle bei den Eltern Katharina und Sotirios „Tony“ Antoniou, feiern mit Tannenbaum und buntem Teller – und ausführlichem Festessen. An beiden Feiertagen besuchen sich die Familien und verwöhnen einander mit selbstgemachten Leckereien. In diesem Sinne ‚Frohe Weihnachten‘ – oder auch Καλά Χριστούγεννα!

Jüdisch – Chanukka



Während Chanukka, das achttägige Fest des Lichts, der Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem gedenkt, erinnert Weihnachten an die Geburt Jesu in einem Stall von Bethlehem, zehn Kilometer vom Tempelplatz entfernt. Im Gegensatz zu den Christen akzeptieren die Juden Jesus nicht als Messias; sie warten nach wie vor auf den Erlöser.

Die jüdische Gemeinde in Flensburg hat vor einigen Tagen ihr Chanukka-Fest unter freiem Himmel auf dem Museumsberg gefeiert – mit Musik, Tänzen, traditionellem Gebäck und Geschenken für die Kinder. An dem vier Meter hohen Chanukka-Leuchter wurde feierlich die letzte Kerze angezündet.

Privat gestalten Mitglieder der Gemeinde die Weihnachtstage sehr unterschiedlich. Jene mit christlichem Partner feiern traditionell-religiös; dazu gehören auch Tannenbaum und Weihnachtskrippe. Nadeshda Gusinova freut sich auf ein Familientreffen dreier Generationen, zu dem Tochter Rita, Theaterpädagogin in Esslingen, erwartet wird. Gäste mit einer sehr viel längeren Anreise wird Gershom Jessen empfangen, der eine „Weihnukka“-Feier vorbereitet hat, bei der Elemente beider Festtraditionen einfließen: Besucher aus Israel werden das große Familienfest auf einem Dorf in Angeln komplettieren.

Die Hoffnung der Syrer



Für Hassan (4) und Zuhir (6) ist der heutige Donnerstag ein ganz normaler Tag. Sie wollen einen Cousin besuchen, der seit zwei Wochen in der Neustadt wohnt. Von Tannenbaum und Weihnachsgeschenken haben sie noch nie etwas gehört. Zusammen mit Vater Abdul Wahab und Mama Markabi sind die beiden syrischen Jungen vor knapp vier Monaten nach Deutschland gekommen. Seit Oktober leben sie in Flensburg. Sie wohnen in der städtischen Unterkunft in der alten Reitbahn-Villa. „Das ist ein christlicher Feiertag, über den wir uns mit allen freuen, deren Fest es ist“, sagt Abdul Wahab. Zuhause in Tartus an Syriens Mittelmeerküste hätten die Eltern immer den christlichen Nachbarn gratuliert. Die Familie ist muslimischen Glaubens. Ihre höchsten Feiern sind das Opferfest, das auf Abrahams Opfergeschichte zurückgeht, und das Zuckerfest zum Abschluss der Fastenmonats. Der größte Wunsch der Familie zu Weihnachten und für das neue Jahr? „Alles gut für die ganze Welt und Frieden für unser Land, Glück und Sicherheit.“ Ein besserer Wunsch falle ihm nicht ein, sagt Abdul. Und in Flensburg, wo die vierköpfig Familie derzeit ein Zimmer teilt? „Syrien war mein Land. Jetzt wünsche ich mir, dass Flensburg unsere zweite Heimat wird.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen