Sonderveröffentlichung: Vor 100 Jahren : Vier Dörfer für die Stadt

<dick>Endlich Anschluss:</dick> Bei der Straßenbahn-Probefahrt nach Mürwik und den Mürwiker Katen (heute Bäcker Hansen) treffen alte und neue Zeit aufeinander.
Endlich Anschluss: Bei der Straßenbahn-Probefahrt nach Mürwik und den Mürwiker Katen (heute Bäcker Hansen) treffen alte und neue Zeit aufeinander.

Am 1. April 1910 wurden die Dörfer Engelsby, Fruerlund und Twedt nach Flensburg eingemeindet. Die Einverleibung der ländlichen Gemeinden war ein Geschacher.

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01. April 2010, 11:07 Uhr

Flensburg | Es war ein gegenseitiges Austricksen, man zog sich über den Tisch, immer wieder standen die eigenen Vorteile im Vordergrund, Verhandlungsergebnisse wurden über den Haufen geworfen, um ein paar tausend Mark gefeilscht - kurz, es war ein zeitweise unwürdiges Geschacher nach Beginn des 20. Jahrhunderts um die Eingemeindung der Landkreisgemeinden Engelsby, Fruerlund, Twedterholz und Twedt in die Stadt Flensburg. Wären so viel Provinzialität und Kleingeist auch heute noch vorstellbar, sollte jemals eine Nachbargemeinde Teil Flensburgs werden?

"Schuld" war das Militär. Um 1890 hatte die Führung der Marine die Flensburger Förde als ideal zum Übungsschießen mit Torpedos entdeckt. Nach der Torpedostation wuchs der Marinestandort Mürwik immer weiter. Damals lag er - ebenso wie die Handvoll Katen namens Mürwik - noch außerhalb der Stadtgrenze. Die Soldaten suchten sich in den kleinen Nachbargemeinden Engelsby und Fruerlund Wohnungen und Schulen für ihre Kinder. Erbärmlich: In den neuen Stadtteil führten nur bescheidene Wege. Eine neue, leistungsfähige Straße war zwingend erforderlich, außerdem Wasser, Abwasser, Gas und Strom. Das war den kleinen Gemeinden genau so klar wie die Tatsache, dass sie der finanzielle Aufwand total überforderte.
Ein Paket voller Privilegien
Die Stadt Flensburg dachte hier ziemlich schmalspurig: Eine neue, große Straße erschlösse das Gebiet um die Marinestation, ziehe außerdem manchen Städter hinaus in die schöne Stadtrandlage. Somit habe das Land den größeren Nutzen, also: Lieber keine Straße bauen. Mit einer Eingemeindung zeichnete sich ein denkbarer Kompromiss ab. Ein Verwaltungsbericht aus der Zeit: "Eine starke Gegnerschaft war allerdings immer noch so wohl in der Stadt wie in den einzelnen Landgemeinden vorhanden."

Im Februar 1908 begannen die ersten Verhandlungen zwischen Flensburgs Bürgermeister Schrader und den Vorstehern der vier Gemeinden. Diese hatten sich zuvor erkundigt, welche Vergünstigungen andere eingemeindete Kommunen in Preußen erreicht hatten, und packten alles in ein Paket von Bedingungen, insbesondere Steuerprivilegien. Im November 1908 stimmte die Stadt dem Vertragsentwurf zu.

Das nächste Störfeuer kam vom Kreis Flensburg. Er lehnte die Eingemeindung ab, erklärte, seine Interessen würden durch Abtrennung dieser leistungsstarken Gemeinden aufs Schwerste geschädigt. Die Stadt rechnete vor, dass die Steuern aus den vier Dörfern gerade vier Prozent der jährlichen Kreiseinnahmen ausmachten. Entweder zahle Flensburg eine Abfindung oder stelle ein stadtnahes Grundstück für einen neuen Kreisbahnhof zur Verfügung. Klappte dies nicht, sollte eine Zahlung von 250 000 Mark fällig werden. Die Stadt stimmte zu.

Twedterholz musste befürchten, dass die immer größer werdende Marinestation irgendwann zwangsweise nach Flensburg eingemeindet wurde und wollte nun doch wieder verhandeln. Am 11. März 1909 stimmte die Gemeinde zu, die Stadt einen Tag später. Die Zustimmung des Kreises lag bereits vor. Auch der preußische Innenminister gab grünes Licht.

Die Verträge, gültig zum 1. April 1910, wurden unterschrieben vom Flensburger Oberbürgermeister Dr. Todsen, von den Gemeindevorstehern Johannes Mangelsen für Engelsby, zweimal Petersen für Fruerlund und Twedt und von Johannes Erichsen für Twedterholz. Einer der wichtigsten Punkte: Bau einer Straße nach Mürwik.

Es wurde auch höchste Zeit, denn inzwischen war die neue Marineschule eröffnet worden. Weil Kaiser Wilhelm deren Bau angestoßen hatte, hieß die neue Verbindung "Kaiser-Wilhelm-Straße", heute Mürwiker Straße.

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