Vier Autos, elf Telefone, 41 Läden

Erfahrungsaustausch: Petra Kuck von der Gesellschaft für Stadterneuerung bemüht sich um das Stadtbild im Stadtteil, Bewohner Albert Theede ist an der Genesung des Viertels interessiert.
Erfahrungsaustausch: Petra Kuck von der Gesellschaft für Stadterneuerung bemüht sich um das Stadtbild im Stadtteil, Bewohner Albert Theede ist an der Genesung des Viertels interessiert.

Albert Theede hat 81 Jahre im Viertel gelebt und ist nur dreimal umgezogen / Großer Sanierungsstau auf Duburg

shz.de von
09. Juli 2011, 07:56 Uhr

Flensburg | An der Ecke Landsknechtstraße / Ritterstraße hat Albert Theede einen guten Überblick. "Hier war ein Bäcker, da ein Schlachter, dort ein Gemüsehändler." Theede kennt noch alle Namen, auch wenn sie ihre Läden schon vor Jahrzehnten geschlossen haben. "41 kann ich noch aufzählen", sagt er. Theede ist überzeugter Duburger: Von den 81 Jahren seines Lebens hat er 81 in dem übersichtlichen Karree zwischen Toosbüystraße, Schlosswall, Schlossstraße und Duburger Straße verbracht.

Kein anderes Viertel in Flensburg ist so einheitlich bebaut und so vollständig erhalten wie Duburg. Die weitaus meisten Häuser entstanden zwischen 1880 und 1914. Entsprechend groß und hartnäckig ist der aufgelaufene Sanierungsstau. Es ist nicht zu übersehen: An vielen Häusern hat der Zahn der Zeit nicht nur genagt, sondern verbissen geknabbert. Das Problem ist, dass die meisten Hausbesitzer nicht in ihren Häusern und oft noch nicht mal in Flensburg leben. Manche Häuser wurden so saniert, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen sind. Deshalb hat der Rat im Juni eine Gestaltungssatzung erlassen: Sie legt fest, wie Fenster, Türen und Fassaden aussehen sollen. Im Rathaus ist Petra Kuck die Expertin für den Stadtteil; sie kennt so ziemlich jedes Haus und steht allen Eigentümern mit ihrem Rat zur Seite.

Albert Theede wohnt an der Turnierstraße in einem der Häuser, die der Baumeister Körner errichtet hat. Im Souterrain hatte er selbst ein Baubüro. "Da wohnt heute meistens ein Student", so Theede. Die heutige Besitzerin lebt auf Sylt, Theede ist jedoch ihr "Statthalter" vor Ort, so dass das Haus in gutem Zustand ist. In all den Jahrzehnten hatte er nur vier Adressen: Burgstraße, Schlossstraße, Ritterstraße und Turnierstraße. Er glaubt, dass er schon als kleiner Junge zum überzeugten Duburger wurde. "Da stand ich oft im Laden meines Opas, traf all die Menschen, die da täglich einkauften, und hörte ihre Geschichte. Das hat mir gesagt, ich müsste hier bleiben."

Vier Autos habe es damals auf Duburg gegeben "und elf oder 13 Telefone." Im Winter fuhren die Jungs mit dem Schlitten die Burgstraße runter, rechts in die Schlossstraße, dann mit Schmackes runter bis zur Norderstraße. Da stand dann einer und gab ein Zeichen, wenn die Straßenbahn kam. "Hinter jeder zweiten Haustür stand ein Besen", erinnert sich Theede und grinst verschmitzt, "wenn der Streuwagen kam, ging sofort einer los, schnappte sich einen Besen und weg mit dem Streusand!" Schlittenfahren ist bei dem Autoverkehr heute schwierig: Stattdessen heizen die jungen Hunde auf ihren Mountainbikes die Schlossstraße runter, während andere gegenüber Duborg Skolen im Basketball immer besser werden, wie Albert Theede voller Anerkennung feststellt. "Ich habe selbst 25 Jahre in der Schule Sport gemacht."

All die geschlossenen Geschäfte sorgen hier für ein städtebauliches Problem: Die Eingangstür war meist an der abgeschrägten Ecke des Hauses. Die Türöffnung wurde zum Teil einfach zugemauert, zum Teil sind noch Reste der alten Lichtreklame vorhanden. "Da gibt es aber gute bauliche Lösungen", weiß Petra Kuck. Manchmal hilft aber nur ein Abriss; so musste ein früheres Backhaus an der Burgstraße verschwinden; der Hausbesitzer werde an dessen Stelle einen Garten anlegen.

"Hier gab es früher leckere Kuchenschmulltüten", erinnert sich Theede, "und die Salmiaktüten bei Frau Gries waren besser als die in der Naschbude am Burgplatz." Hier wohnte ein Gemüsehändler, dort der Kohlenhändler Grimm, da hinten Bäcker Otto Büddel, dessen Sohn erster Düsenjägerpilot der Bundeswehr wurde. "Am liebsten gingen wir zu Tante Mimis Papierladen; da konnte man alles kriegen - wenn sie es denn gerade finden konnte . . ."

Heute ist Duburg ein sehr heterogenes Stadtviertel, mit einer gemischten Bewohnerschaft, stark vom Autoverkehr der Anlieger, vormittags jedoch dem der beiden Schulen (HLA - die Flensburger Wirtschaftsschule und Duborg Skolen) dominiert. Am Gesicht des Quartiers - das bestätigt auch Albert Theede - hat sich wenig geändert, weil es kaum Abrisse gegeben hat. Und dafür, dass das eine oder andere Haus demnächst wieder schöner aussieht, will Petra Kuck sich weiterhin stark machen.

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