Theater in Flensburg : Videos auf nackter Haut: Von Helden und Leistungsdruck

Projektionsfläche und Performer: Peer Ripberger im neuen Herakles-Stück.
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Projektionsfläche und Performer: Peer Ripberger im neuen Herakles-Stück.

Peer Ripberger verwischt in der Pilkentafel die Grenzen zwischen Bildender Kunst, Installation und szenischer Lesung

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22. März 2017, 11:33 Uhr

Die Serie von Premieren bei der Pilkentafel geht weiter: Morgen öffnen sich die Türen für „Herakles oder die Kunst der Unzulänglichkeit“ von und mit Peer Ripberger. Ein Theaterstück im engeren Sinne ist es nicht, vielmehr vermengt Ripberger Elemente aus Bildender Kunst, Video-Installation und szenischer Lesung zu einem Gesamtkunstwerk neuen Typs. Neu ist auch, dass es zwar mit 20 Uhr einen Beginn gibt. Man dürfe aber auch später kommen und früher gehen, so Ripberger, denn es ist kein wirkliches Theaterstück.

Der junge Autor, Regisseur und Darsteller hat sieben Wochen freiwillig etwas über sich ergehen lassen, was jeder moderne Mensch sonst eher meidet: Er hat sich nahezu ununterbrochen gefilmt beziehungsweise sich von Videokameras überwachen lassen – Tag und Nacht. In dieser Zeit hat er den Bühnenraum der Pilkentafel nur ganz selten verlassen, etwa um sich etwas zu essen zu besorgen. Aus der ungeheuren Menge an Aufzeichnungen hat er vier Videos geschnitten, die an den drei Vorstellungstagen in vier Räumen der Theaterwerkstatt gezeigt werden. In einem Raum wird er selbst zu finden sein, und zwar in einer Doppelrolle als Autor/Leser und Projektionsfläche für eines der Videos.

Das Schneiden der Videos und eine dreistündige Lesung/Performance – eine wahre Herkules-Aufgabe. Und genau das ist das Thema. „Leistung ist zu einem universellen Wertmaßstab geworden“, sagt Ripberger. „Dem können wir nicht gerecht werden.“ Da sieht er Parallelen zu Herakles – oder Herkules, wie er auf Lateinisch hieß. Der wurde für seine zwölf Aufgaben mit der Unsterblichkeit belohnt. Anders sei es bei uns Sterblichen: „Unsere Gesellschaft fordert immer mehr Leistung, und zur Belohnung kommen weitere Aufgaben.“ In der Solo-Performance kombiniert er Texte über Herakles’ Leben mit autobiographischen Episoden aus seinem Leben – „zum Beispiel, wie man sich fühlt, wenn man nach seinem Studium zum Arbeitsamt geht und Hartz IV beantragt.“

Mit seiner Herakles-Performance versucht sich Peer Ripberger auch in der „Kunst der Unzulänglichkeit“. Er fragt, ob es auch ein „Jenseits der Leistung gibt, die Medien, Ausbildungseinrichtungen und Arbeitsplätze von uns erwarten“. In seiner persönlichen Biographie war das Mann-Sein für Ripberger auch immer eine besondere Leistungsanforderung; auch dies ein Aspekt in der „queeren Collage“, in der sich antikes Schönheitsideal mit heutiger Videoclip-Ästhetik vermischt.

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