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Unkonferenz der Technologie- und Medienbranche : Video zum Barcamp Flensburg: Eine Konferenz mit Überraschungen

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Keine kühlen Drinks, dafür aber frische Impulse. 150 aufgeschlossene Menschen kamen zu einem offenen Wissensaustausch über die Bereiche Technologie, Medien und Entrepreneurship zusammen.

shz.de von
erstellt am 15.Apr.2016 | 17:40 Uhr

Sie ist beim Barcamp nicht leibhaftig anzutreffen, denn sie hat dort Hausverbot – und doch wird sie Gegenstand einer regen Diskussion: die Krawatte. Auf dem Treffen innovativer Menschen, die vor Ideenreichtum übersprudeln, Impulse geben und sich mit anderen vernetzen wollen, sorgt der erste Themenvorschlag für eine der anschließenden Diskussionsrunden in den Räumen des Flensburger Technologiezentrums für irritiertes Schweigen beim Publikum – soll es sich doch bei der etwas anderen Fachkonferenz um Medien, Technologie und Entrepreneurship drehen. Mit „Der Kampf gegen die Krawatte“ oder „Why tie the knot?“ (Warum den Knoten binden?) betitelt Jim Lacy, Dozent an der Fachhochschule Flensburg, seinen Beitrag. „Ist das Böhmermann, was du jetzt machst?“, fragt jemand aus dem Publikum. Ist das Satire? Nimmt hier jemand die Veranstaltung nicht ernst? „Das ist ernst gemeint“, beteuert Lacy, der Mann im Anzug, mit dunkelblauem Hut und roter Fliege (die Krawatte hat er heute im Schrank gelassen, erzählt er später). Und ergänzt in Richtung des Kritikers: „Ist freiwillig. Du musst nicht kommen.“


 

Barcamps werden auch „Unkonferenzen“ genannt: Statt Frontalvorträgen von Experten, wird das Treffen von den Teilnehmern selbst gestaltet, Themen per Abstimmung auf die Agenda gesetzt. 

So ungewöhnlich dieses Thema erscheinen mag, so ungewöhnlich ist auch das Konzept der Veranstaltung, die in Städten wie Hamburg, Berlin oder auch Kiel bereits seit vielen Jahren, in Flensburg aber zum ersten Mal stattfindet. Es geht um Ideen, Impulse,  frischen Wind für eigene Projekte und das Knüpfen von Kontakten. Nicht zwingend muss das Oberthema etwas mit der  digitalen Welt zu tun haben. Auf einem Barcamp kann es theoretisch auch um Wein oder Gesundheit gehen. Oder  abseits der Sessions in persönlichen Gesprächen um das reichhaltige Buffet – eines der wenigen Dinge, die vorab sowohl zeitlich als auch inhaltlich festgelegt sind. Die Veranstaltung beginnt mit zwanglosen Gesprächen bei Obst, Müsli, Brötchen und Kaffee. Wer bist du? Was machst du? Ist das dein erstes Barcamp? Das „Du“ ist hier Pflicht – nicht jedem geht das leicht von den Lippen, nicht jeder denkt an dieses Muss. „Noch’n paar zu viele ,Sie-Sager’“, schreibt Teilnehmer Jan Winters auf Twitter. „Ihr dürft Euch gerne entspannen :)“

Damit reiht er sich ein in die Liste derjenigen, die sich die erste Regel des Barcamps zu Herzen nehmen: „Rede über das Barcamp“.

Das ist nur eine von mehreren Regeln dieses so unkompliziert wirkenden Veranstaltungsformats. An dritter Stelle im Regelkatalog: Jeder muss bei seinem ersten Barcamp eine Session halten. Das heißt: 45 Minuten lang wird präsentiert, diskutiert oder ein Workshop geleitet. Per Handzeichen durch das Publikum wird über ein Thema abgestimmt. Während der Krawatten-Mann in Fliege in kuscheliger Atmosphäre über Symbolik, Geschlechterfragen und politische Notwendigkeiten eines Schlipses mit den Teilnehmern diskutiert, füllen die Hacker vom Chaostreff Flensburg den größten zur Verfügung stehenden Raum. In ihrer Session räumen sie mit der Mär vom bösen Mann in Skimütze auf, der in Computersysteme eindringt und Bankkonten leerräumt. Hacken sei lösungsorientiert, sagt Thorben Dittmar. Darunter falle der Aufbau eines kostenlosen WLan-Netzes in der Stadt ebenso wie  ein selbstgebasteltes Portemonnaie aus Panzertape. „Hacken kann auch einfach mal nur lustig sein“. In weiteren Sessions geht es um die Digitale Agenda der Landesregierung, den Nutzen unnützen Wissens oder rund ums Essen von Insekten.

Ganz ohne zum Oberthema „abzudriften“ geht es aber doch nicht: Der Mann mit der roten Fliege erzählt, bei vielen Tech-Firmen wie Apple sei  das Tragen einer Krawatte gänzlich untersagt. Apple, Google & Co – eine hippe Welt ohne Hierarchien? Eher nicht, es sei ja schließlich ein von oben auferlegtes Verbot. Doch als eine Teilnehmerin versucht, das Gespräch auf die interessanten Entwicklungen in der digitalen Welt im Allgemeinen zu lenken, bremst Lacy sie schnell und deutlich aus: „Das ist hier nicht das Thema.“ Sie setzt sich. Die Diskussion rund um die Krawatte war doch gerade so schön.

Weitere Informationen: barcamp-flensburg.de/

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