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Auf dem Weg nach Skandinavien : Video aus Flensburg: Flüchtlinge stranden am Bahnhof

vom

Mehr als 100 Menschen harren in der Nacht auf dem Flensburger Bahnhof aus. Sie wollen weiter nach Skandinavien. Auch in Puttgarden warten Flüchtlinge auf die Weiterreise.

Flensburg | Am Eingang des Flensburger Bahnhofs türmen sich mehrere große Haufen aus Kleidungsstücken, Wasserflaschen und Essensspenden. Dahinter liegt dicht gedrängt Flüchtling an Flüchtling. Knapp 120 Menschen verteilen sich am frühen Donnerstagmorgen auf den Fluren, einige von ihnen schlafen fest.

Mogfaba ist dagegen schon früh wach. Der Afghane will weiter nach Finnland. „Dort habe ich Familie“, sagt der 16-Jährige. Bereits am Abend, hofft er, wird er in Kopenhagen sein. Dort sei bereits ein Freund angekommen. Mit seinem Smartphone ist er in regem Austausch mit Freunden, zeigt ihnen ihm Video-Chat die volle Bahnhofshalle.

Große Hilfsbereitschaft in Flensburg

Die meisten der Flüchtlinge sind bereits am Mittwoch aus Hamburg gekommen. Sie wollen weiter nach Skandinavien. Doch weil die dänische Bahn den Zugverkehr mit Deutschland wegen der Flüchtlinge zeitweilig einstellte, war für sie im hohen Norden der Republik vorläufig Endstation. In Flensburg löst das eine große Hilfsbereitschaft aus.

Flüchtlinge in der Bahnhofshalle in Flensburg.

Flüchtlinge in der Bahnhofshalle in Flensburg.

Foto: Sebastian Iwersen
 

Menschen bringen Wasser, Decken, Windeln, Kekse und zahlreiche weitere Lebensmittel. Auf einem Tisch stapeln sich Pizzaschachteln. „Die Leute meinen das alle zu gut“, sagt eine Polizistin am Morgen mit Blick auf die großen Mengen. „Es ist traurig, dass in Europa so etwas passieren kann. Wie weit muss man kommen, das man aus dem eigenen Land flieht“, findet der Flensburger Michael Nissen.

Die Geflüchteten wurden am Bahnhof von Helfern mit Lebensmitteln versorgt.

Die Geflüchteten wurden am Bahnhof von Helfern mit Lebensmitteln versorgt.

Foto: Sebastian Iwersen
 

Die Pendlerin Anne Wiegboldt ist überrascht von den vielen Spenden: „Man sieht ja an dem Berg, dass alle helfen wollen.“ Das finde sie gut - fügt jedoch gleich ein „Aber“ an: „Es sind ja nicht alle mittellos, die kommen.“ Die Flüchtlinge, die auf dem Bahnhof campieren, haben ihre wenigen Habseligkeiten gleich neben ihrer Decke oder dem Schlafsack liegen.

Erste Züge fahren: Weiterreise von Flensburg nach Dänemark

Bereits am Mittwochabend brachte die Polizei etwa 100 Menschen nach Boostedt in eine der Erstaufnahmeeinrichtungen in Schleswig-Holstein. „Dieses Angebot gilt auch für diejenigen, die noch in Flensburg sind“, sagt Polizeisprecher Jürgen Börner. Die Flüchtlinge werden aber auch nicht an einer Weiterreise nach Dänemark gehindert. Am Bahnhof herrscht am Donnerstagmorgen nur wenig Polizeipräsenz. Dann kommt Bewegung in die Sache. Um kurz vor 7.00 Uhr rollt ein erster Zug mit Ziel Kolding in Dänemark an den Bahnsteig. Etwa 50 Flüchtlinge steigen ein. Wer einen gültigen Fahrausweis hat, darf mit. Dazu gehört auch Abdullah aus Somalia. „Ich will nach Schweden“, erzählt der 19-Jährige. Dort lebe seine Mutter. Wie lange er schon unterwegs ist? „Vielleicht zwei Monate“, sagt er, die Hände in den Taschen seiner Wildlederjacke. Es ist frisch auf dem Bahnsteig.

Mit einigen Minuten Verspätung fährt der Zug dann schließlich los. Das nördliche Nachbarland lässt den Zug die Grenze passieren. An der ersten Station in Padborg kontrollieren Dutzende Beamte die Flüchtlinge, befragen sie nach ihren Reisezielen. Anschließend geht es weiter in Richtung Kopenhagen.

Bahnhof leert sich - Helfer räumen auf

Die meisten Geflüchteten haben den Flensburger Bahnhof am Donnerstagmittag verlassen. Während rund 100 Menschen in Zügen nach Dänemark weiterreisten, brach ein Teil der Flüchtlinge in Richtung Kiel auf. Sie wollen vermutlich per Schiff nach Schweden. Mehrere Dutzend Freiwillige sammelten große Mengen an ungenutzten Kleidungs- und Lebensmittelspenden ein. „Was beispielsweise an Decken noch genutzt werden kann, lagern wir ein“, sagte die SPD-Landtagsabgeordnete Simone Lange.

Sie ist auch Sprecherin des Bündnisses für ein buntes Flensburg. „Wir sind dankbar für die Hilfsbereitschaft.“ Zahlreiche Menschen hatten am Mittwoch so viele Spenden gebracht, dass in der Nacht zum Donnerstag bereits Kleidung in zwei Bussen aufbewahrt werden musste. Hunderte Wasserflaschen, Windelpakete und etliche Nahrungsmittel blieben am Donnerstag nach der Weiterreise der Flüchtlinge in Flensburg übrig. Ich bitte alle, weiter so hilfsbereit zu bleiben“, sagte Lange.

Weitere Züge mit Flüchtlingen in Flensburg erwartet

Am frühen Donnerstagnachmittag wird ein weiterer Fernzug aus dem Süden mit Flüchtlingen in Flensburg erwartet. Wie viele Geflüchtete an Bord sind, ist unklar. Viele Der Zugreisenden wollen weiter nach Dänemark.

Handzettel mit Reisetipps für Flüchtlinge

Am Flensburger Bahnhof kursieren Handzettel mit Reisetipps für Flüchtlinge, die weiter nach Skandinavien wollen. Darin wird den Menschen empfohlen, nicht Dänemark zu passieren, sondern per Schiff direkt nach Schweden zu reisen. Die dänische Polizei registriere die Flüchtlinge, heißt es auf dem Flyer - und dann könnte nur noch in Dänemark Asyl beantragt werden. Stattdessen sollten die Flüchtlinge Fähren von Kiel nach Göteborg, von Rostock nach Trelleborg und von Sassnitz auf Rügen nach Trelleborg nutzen, heißt es in den Handzetteln. Wer den Flyer veröffentlicht hat, blieb unklar.

Bislang gibt es jedoch keinen Ansturm auf die Fährlinie zwischen Rostock und dem schwedischen Trelleborg. Wie ein Polizeisprecher am Donnerstag in Rostock sagte, nutzte am späten Mittwochabend eine Gruppe von etwa 40 Flüchtlingen diese Route. Bei der Morgenfähre am Donnerstag seien dagegen keine Flüchtlinge gesehen worden. Die Fährgesellschaft Stena Line hat auf der Verbindung zwei Schiffe im Einsatz. Täglich gibt es drei Anläufe.

Lieber mit der Fähre direkt nach Schweden: Reisetipps kursieren am Bahnhof in Flensburg.

Lieber mit der Fähre direkt nach Schweden: Reisetipps kursieren am Bahnhof in Flensburg.

Foto: Screenshot/Facebook

Auch Flüchtlinge in Rødby dürfen weiterreisen

Die dänische Polizei hat in der Nacht zum Donnerstag rund 240 Flüchtlinge aus der Stadt Rødby auf der Insel Lolland weiterreisen lassen. „Sie konnten den Zug hier aus Rødby nehmen“, sagte ein Polizeisprecher.

In Rødby waren am Mittwoch Hunderte Menschen in Zügen auf Fähren von der Insel Fehmarn angekommen. Viele von ihnen hatten sich geweigert, die Züge zu verlassen, um nicht in Dänemark als Asylbewerber registriert zu werden. Die meisten wollen weiter nach Schweden reisen, weil sie dort auf bessere Bedingungen für Flüchtlinge hoffen.

Rund 300 Menschen befänden sich noch in einer Unterkunft in Rødby, sagte der Polizeisprecher am Donnerstagmorgen. „Manche werden von hier aus im Laufe des Vormittags aufbrechen.“ Wann die Fähren über den Fehmarnbelt wieder Züge transportieren würden, konnte er nicht sagen. Fernsehberichten zufolge nahmen in Rødby viele Autofahrer Flüchtlinge mit Richtung Norden.

Weiter keine Züge zwischen Puttgarden und Dänemark

Auf der Vogelfluglinie nach Dänemark über Puttgarden sind indes weiter keine Züge unterwegs. Die Bahnen könnten nicht auf die Fähren von Puttgarden nach Rødby fahren, weil die dänische Bahngesellschaft DSB der Deutschen Bahn die Züge nicht abnehme, sagte eine Bahnsprecherin am Donnerstag. Wann der Zugverkehr auf der Vogelfluglinie wieder aufgenommen wird, stehe noch nicht fest.

Rechtspopulisten in Dänemark kritisieren Weiterreise

Die rechtspopulistische Dänische Volkspartei hat die Regierung des Landes wegen der Weiterreise von Hunderten Flüchtlingen aus Dänemark nach Schweden kritisiert. „Das klingt, als habe die Regierung aufgegeben, die Situation zu steuern“, sagte der integrationspolitische Sprecher der Dansk Folkeparti, Martin Henriksen, im dänischen Fernsehen. „Man hat sich damit abgefunden, dass man keine Kontrolle hat. Das ist sehr unbefriedigend.“ Dänemarks Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen bestellte die Vorsitzenden der anderen Parteien am Vormittag zu einem Krisentreffen ein.

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erstellt am 10.Sep.2015 | 11:44 Uhr

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