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Flensburger Tageblatt

14. Dezember 2017 | 06:03 Uhr

Via Memora - Virtuelles Trauern

vom

Ungewöhnliche Gründung: Zwei Wirtschaftsstudenten starten ein Gedenk-Portal für Hinterbliebene

shz.de von
erstellt am 14.Aug.2013 | 03:09 Uhr

Flensburg | Im Jahr 2007 ist seine Mutter gestorben. Sie sei in der Heimat seiner Familie, in Tunesien, bestattet worden, sagt Oilid Msalmi. Ihm sei es nicht möglich, häufig das Grab zu besuchen, bedauert der 25-Jährige, der an der Flensburger Fachhochschule Betriebswirtschaftslehre studiert. Mit seinem Kommilitonen André Wohlenberg teilt er ein ähnliches Schicksal, was den Verlust eines Familienmitglieds betrifft. Vor zweieinhalb Jahren ist die Großmutter des 26-Jährigen gestorben; auch er hat einen Weg zum Trauern gesucht. Der Weg führte die jungen Studenten ins Netz.

Seit Juli bietet ihr Portal "Via Memora" Hinterbliebenen einen geschützten, doch virtuellen Raum, um Trauer zu bewältigen. Als "Blue Blackbirds" nutzen sie die Infrastruktur des Jackstädt-Entrepreneurship-Centers (JEC) auf dem Flensburger Campus, darunter den Gründerraum samt Büros im Audimax. Dort trafen die Wirtschaftsstudenten auf drei Informatiker, die von ihrer Idee überzeugt waren und sich nun um das Webdesign und die Programmierarbeit kümmern.

Es gebe Gedenk-Seiten im Internet, sagen Msalmi und Wohlenberg, aber die seien in der Regel "nicht anspruchsvoll" und "nicht gut genug". Viele Seiten seien zudem nicht sicher. Deshalb haben ihre Informatiker nicht nur ein Passwort eingebaut, sondern auch die Freigabe über einen Verwalter, den Familie und Freundeskreis des Verstorbenen aus ihrer Mitte bestimmen. Bei der Gestaltung befolgen die beiden BWL-Studenten die Regeln: keine Werbung, kein Facebook, kein Schein-Profil. Feingefühl sei geboten, sagt André Wohlenberg und, dass man bei diesem Thema keinen Fehler machen dürfe.

Ganz fachlich "einen Mehrwert" für den Nutzer streben die Studenten an, den sie sich auch durch das bewusste Weglassen von Musik und Videos auf ihrem Portal versprechen - "weil wir die verstorbene Person in den Vordergrund stellen wollen", erklärt Wohlenberg. Als "ganz schlicht" beschreibt Oilid Msalmi die Gedenkseite. Als Hintergrund kann man beispielsweise eine Ufer- oder Eislandschaft wählen, als Farben blau oder rot. Unter der Überschrift "Nachruf" stünde "alles, was die Person ausgezeichnet hat" und unter "Chronik", "was die Person zu Lebzeiten getan hat", erläutert Msalmi die Möglichkeiten. Im Kondolenzbuch und in der Bilder-Rubrik können Familie und Freunde ebenfalls hinterlassen, was sie gern mit den anderen Trauernden teilen möchten. Wer nicht "der große Schreiber" sei, schlägt er vor, könne mit Buttons diverse Blumen virtuell hinlegen, Kerzen anzünden oder beten.

Insbesondere der Nutzen für die Trauernden liegt Oilid Msalmi am Herzen, nicht in erster Linie das Geschäft. Deshalb leisten sich die beiden Gründer weitere Feinarbeit und Fortentwicklungen an ihrem Angebot. Zu Beginn haben sie Kontakte zu ihren Professoren, Industrie- und Handelskammern und Bestattern genutzt, um ihr Vorhaben zu entwickeln. Dann sind sie an Psychologen herangetreten und an das Flensburger Katharinen-Hospiz, um weitere hilfreiche Hinweise zu erhalten. Einnahmen wollen beide auch an das Hospiz spenden. Derzeit arbeiten sie daran, weitere "Methoden und Instrumente zu reichen" für die Phasen der Trauerbewältigung, sagt Msalmi. Der Tod in Deutschland werde "untergegraben", sagt Wohlenberg. Von Menschen würde erwartet, dass sie "hart sind und nicht weinen". Ihnen würde nur kurze Zeit gewährt, über einen Verlust hinwegzukommen und in den Alltag zurückzukehren. "Doch viele verarbeiten nicht wirklich den Tod", klagt er. Msalmi ergänzt, das würde insbesondere auf Kinder und Jugendliche zutreffen, die "alles in sich hineinfressen".

Da sich Eigenwerbung verbiete, setzen die Gründer darauf, dass Bestatter ihre Dienstleitung in ihr Angebot aufnehmen. Sechs Institute in der Region Flensburg hätten das bereits getan, weiß Oilid Msalmi. Nur über ein Bestattungsunternehmen sei es überhaupt möglich, ein Profil zu erwerben. Dieses koste einmalig rund 200 Euro und sei auf fünf Jahre angelegt.

Aus der Branche ist Sympathie für die Idee der Fachhochschüler zu vernehmen, zugleich leise Skepsis, ob die Zeit dafür schon reif sei. Vor fünf Jahren, so heißt es, habe ein ähnliches Portal keinen großen Widerhall gefunden.

Oilid Msalmi und André Wohlenberg glauben an ihr Konzept. Ab dem 26. August werden die "Blue Blackbirds" es bei einem einwöchigen, deutsch-dänischen Gründer-Workshop in Berlin vor Investoren vorstellen. Blau stünde übrigens in vielen Kulturen für Frieden, erklärt der tunesisch-stämmige Msalmi und erzählt, dass seine Mutter kurz vor ihrem Tod von einer "blauen Amsel" gesprochen habe, die Sterbende ins Jenseits geleite.

www.viamemora.com

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