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Finn Jensen : Verurteilt – aber nicht vor Gericht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Verfahren gegen den ehemaligen Tourismus-Geschäftsführer Finn Jensen und vier Mitangeklagte gegen Auflage von Geldzahlung eingestellt.

shz.de von
erstellt am 20.Okt.2015 | 14:30 Uhr

Flensburg | Ein Freispruch ist es nicht. Das weiß auch Finn Jensen. Deshalb spürte Flensburgs ehemaliger Tourismus-Chef weder Erleichterung noch Genugtuung, als er das Schreiben des Amtsgerichts öffnete. Er nahm schlicht die Nachricht zur Kenntnis, dass das Verfahren gegen ihn wegen Verdachts auf Untreue eingestellt worden sei – gegen Zahlung eines Geldbetrages an eine gemeinnützige Einrichtung. Eine Summe im dreistelligen Bereich. „Ich hatte nie einen Zweifel daran“, sagt er, „dass es so kommen würde.“ Damit ist die „Dienstwagen-Affäre“, die weit über die Stadtgrenzen Wellen schlug, ad acta gelegt.

Drei Jahre ist es fast her, dass der damalige Geschäftsführer der Flensburg Fjord Tourismus GmbH (FFT) eine folgenschwere, wie er einräumt, „Fehlentscheidung“ traf. Als Privatmann verkaufte er für den völlig überzogenen Betrag von 8500 Euro seinen betagten Audi A 6 als Firmenwagen über eine Bekannte, die als „Strohfrau“ fungierte, an die von ihm geführte Gesellschaft. Der Kombi aus dem Jahr 2002 war 379  000 Kilometer gelaufen, eine Reparatur folgte auf dem Fuße. Der Händler-Verkaufspreis hätte bei lediglich etwa 4500 Euro gelegen. Ein Gesamtschaden von über 5000 Euro stand im Raum.

Das von einem Wirtschaftsprüfer aufgedeckte verbotene „Selbstgeschäft“ wurde vom Aufsichtsrat und städtischen Gremien nachträglich legitimiert. Konsequenz: Gegen insgesamt fünf Beteiligte wurde im Juni 2014 Anklage erhoben, auch wegen Untreue im besonders schweren Fall, da es sich um Amtsträger handelte. Betroffen waren laut Staatsanwaltschaft städtische Mitarbeiter in leitender oder hoher verantwortlicher Position im Rechts- und Finanzbereich sowie zwei Aufsichtsratsmitglieder. Auch ihnen wird die Hauptverhandlung erspart bleiben, wie die Staatsanwaltschaft gestern bestätigte. Auch ihre Verfahren wurden gegen Zahlung eingestellt.

Er sei schlecht beraten gewesen, sagte Jensen damals. Und er sagt es noch heute. Ohne sich von Schuld freizusprechen. „Es war nicht nur blauäugig, sondern regelrecht dämlich von mir. Und eine Lehre fürs Leben.“ Er habe seinerzeit auf ihm zugesagte Tantiemen in Höhe eines Monatsgehalts verzichtet, die ihm nach erfolgreicher Arbeit als Geschäftsführer zugestanden hätten. Vertreter städtischer Aufsichtsgremien, die ihm damals zu dem Deal geraten hatten, um ihm über diesen illegalen Weg die ihm zustehende Erfolgsprämie zukommen zu lassen, hätten ihm, als alles aufflog, eine Selbstanzeige nahe gelegt. „Ansonsten wäre ich von ihnen angezeigt worden.“ Er folgte der Empfehlung. Ende Juli 2013 wurde er von seinen Aufgaben freigestellt.

Finn Jensen betont, er habe den materiellen Schaden beglichen, indem der den Audi zurückgekauft und auch die Reparaturkosten übernommen habe. Doch danach sei ein regelrechter „Shitstorm“ über ihn hereingebrochen. „Es gab Beschimpfungen, Verunglimpfungen, böse Telefonanrufe, Schmierereien am Haus, Beschädigungen am Auto.“ Ehemalige Kollegen, vermeintliche Freunde und eben die einstigen Verbündeten aus dem Rathaus hätten sich, als alles aufflog, von ihm abgekehrt. Fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. „Keiner wollte in den Sog geraten, plötzlich wollte niemand mehr mit der Sache zu tun haben. Von allen Seiten wurde ich verurteilt.“ Er stehe zu seinem Fehler, doch er sei flankiert worden von Menschen in Führungspositionen, ausgestattet mit einem breiten Wissen. „Einige hätten mich gern am Boden gesehen.“

Jensen hätten flüchten können – es gab Angebote, etwa als Kurdirektor in einem anderen Ort. Doch er blieb, organisiert heute Weihnachtsmärkte europaweit, berät touristische Einrichtungen, hat ein Hotel und ein Restaurant in Langballig reaktiviert. Besonders bitter, betont er, dass von verschiedener Seite versucht worden sei, seine neuen beruflichen Bestrebungen zu torpedieren. Es habe Brandbriefe an Kunden gegeben, des Inhalts etwa, wie man "mit einem solchen Verbrecher“ zusammenarbeiten könne. Jensen: „Man hat mich aus dem Hinterhalt beschossen.“

Sein Audi, der für so viele Schlagzeilen gesorgt hat, ist nun ein Sonntagsauto. „Er tut zuverlässig seinen Dienst“, sagt der ehemalige FFT-Chef lakonisch. Vielleicht werde er ihn eines Tages versteigern. Finn Jensen wurde weder frei- noch heilig gesprochen. Doch man erinnere sich an ein anderes legendäres Fahrzeug. Daran, wie der alte VW Golf des Joseph Kardinal Ratzinger, später Papst Benedikt XVI., in einer Auktion landete. Er erzielte einen Preis von fast 190  000 Euro.


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