Prozessauftakt in Flensburg : Versuchte Vergewaltigung: Bewährungsdeal platzt

30-jähriger Flensburger muss sich vor der II. Großen Strafkammer des Landgerichts verantworten

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01. März 2017, 06:28 Uhr

Ein beliebtes Naherholungsgebiet, gut frequentiert. Jeder Flensburger kennt die Marienhölzung. Fast jeder ist dort schon einmal gejoggt oder spazieren gegangen. Oder Fahrrad gefahren. Wie eine 16-jährige Gymnasiastin am frühen Nachmittag des 7. Septembers 2016. An der „Stillen Liebe“ begegnete sie ihrem Peiniger. Durchlitt am helllichten Tag Minuten der Angst, den Albtraum ihres Lebens.

Gestern begann die Hauptverhandlung gegen den mutmaßlichen Täter. A. ist deutscher Staatsbürger, aufgewachsen in Husum, Wohnsitz Flensburg. Er wird in Handschellen in den Saal der II. Großen Strafkammer geführt. Kurz geschnittenes Haar, Vollbart, Jeans, dunkle Kapuzenjacke, eine silberne Kette baumelt um seinen Hals. Der 30-Jährige nimmt Platz zwischen den beiden Verteidigern seiner Wahl.

Laut Anklage ist er gegen 14.30 Uhr mit seinem Fahrrad im Bereich Westerallee unterwegs. Vor ihm radelt das Mädchen, sie biegen in den Waldweg ein, er überholt. Als sie vom Rad steigt, geht er auf sie zu, zerrt sie am Arm etwa 15 Meter tief in den Wald.

Das Mädchen wehrt sich heftig mit Fußtritten gegen die drohende Vergewaltigung. „Als sie laut um Hilfe ruft, hält er ihr den Mund zu, stößt sie zu Boden, kniet auf ihr“, führt die Staatsanwältin aus. Trotz der Gegenwehr gelingt es dem Mann, sein Opfer teilweise zu entkleiden.

Doch die Schreie kann er nicht unterbinden. Und die finden Gehör. Ein Passant eilt zu Hilfe – der Täter ergreift Hals über Kopf die Flucht. „Er hatte ein Messer dabei“, betont die Staatsanwältin, „griffbereit.“ Für sie ist der Tatbestand der versuchten Vergewaltigung erfüllt, deren Vollendung sei nur durch den hinzukommenden Spaziergänger verhindert worden.

Wenige Stunden später wurde der Flensburger erneut auffällig. Er bot einer 17-Jährigen in Harrislee Geld für sexuelle Handlungen. Vergeblich. Die detaillierte Täterbeschreibung war letztlich entscheidend dafür, den Mann in unmittelbarer Nähe festnehmen zu können. Bei den Vernehmungen vor der Polizei gestand er beide Taten und wanderte in U-Haft.

Es war ein zäher Prozessauftakt – immer wieder Pausen durch Anträge der Verteidigung und Beratungen des Gerichts unter Vorsitz von Birte Babener. Eine Schöffin musste ersetzt werden, weil sie in einem Verhältnis zum Opfer gestanden hatte, das, so Babener, „Misstrauen gegen deren Unparteilichkeit rechtfertige“. Erst nach knapp drei Stunden konnte die Anklage verlesen werden. Aufmerksam verfolgt von der sichtlich mitgenommenen Mutter des Opfers, das als Nebenklägerin auftritt.

Die Verteidigung versuchte, einen Deal hinter den Kulissen auszuhandeln. In einem „Verständigungsgespräch“ machte sie klar, dass man sich eine Verurteilung im „oberen Bewährungsbereich“ vorstellen könne . Im Gegenzug werde sich der Täter weitestgehend geständig, gesprächsbereit und therapiewillig zeigen, zudem biete er eine Wiedergutmachung in Form finanzieller Entschädigung an. Daran wollte die Mutter, die mit ihrem Harrisleer Rechtsbeistand erschienen war, jedoch keinen Gedanken verschwenden. Durch diesen Handel würde man sich „verraten“ fühlen. Die Tochter sei durch die Tat tief erschüttert und in ihrer Lebensführung stark beeinträchtigt. „Wir wollen hier Rede und Antwort stehen!“ Auch die Richterin erklärte, man könne, selbst einen minderschweren Fall angenommen, hier nicht vorgreifen.

Zu diesem Zeitpunkt waren die psychiatrische Sachverständige und das Opfer als Zeugin noch nicht gehört worden. Deren Aussage fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das Urteil wird für den 29. März erwartet.

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