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KBA in Flensburg : Verkehrssünderkartei wird 60: Das Haus der Punkte will nicht feiern

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seit 60 Jahren kümmert sich das Kraftfahrt-Bundesamt um die Verkehrssünden der Deutschen – auch der Chef wurde schon mal geblitzt

shz.de von
erstellt am 24.Jul.2017 | 05:20 Uhr

Flensburg | In einem Gewerbebau am Brauereiweg 12 unmittelbar am Flensburger Hafen starteten vor 60 Jahren die Vorbereitungen für die bundesweit berühmt-berüchtigte Verkehrssünderkartei. Zunächst begannen 70 Mitarbeiter des Kraftfahrt-Bundesamtes mit dem Sammeln der Sünden der damals noch nicht so zahlreichen deutschen Autofahrer. Aus 810.000 Verkehrssündern Ende 1958 wurden 10,1 Millionen Anfang 2017.

Heute arbeiten knapp 1000 Mitarbeiter im KBA an der Flensburger Fördestraße, davon 200 im Fahreignungsregister, wie die Sünderkartei seit drei Jahren offiziell heißt. Am 1. Mai 1965 zog das KBA von der Bonte-Kaserne (heute Sonwik), wo es zwischenzeitlich residierte, in den Neubau Fördestraße in Mürwik.

In der Mürwiker Fördestraße sind zehn Millionen Sünder registriert.
In der Mürwiker Fördestraße sind zehn Millionen Sünder registriert.
 

Es sind keine Zeiten zum Feiern für das vom Abgas-Skandal gebeutelte KBA und seinen langjährigen Präsidenten Ekhard Zinke (63, seit 2004). Deshalb ist es dem KBA wohl nicht unrecht, wenn dieser Tage an ein Jubiläum erinnert wird, das die Behörde gleich drei Mal ereilt, wohl aber nach Lage der Dinge bestenfalls Anfang Januar ein bisschen gefeiert wird – den 60. Geburtstag der Flensburger Punkte. (In der Anfangszeit wurde allerdings nur der Entzug der Fahrerlaubnis registriert.)

Am 16. Juli 1957 beschloss der Bundestag das Verkehrszentralregister, wie es bis 2014 hieß. Mit Veröffentlichung im Bundesgesetzblatt am 25. Juli 1957 erlangte es Rechtskraft, ziemlich genau vor 60 Jahren. Seine Arbeit aufgenommen hat es allerdings erst knapp fünf Monate später – am 2. Januar 1958. „Wenn überhaupt, begehen wir das Jubiläum am 2. Januar“, sagt deshalb auch KBA-Sprecher Stephan Immen.

Punkte in Flensburg – bei diesem Thema kommen sogar auf der hoffnungslosesten Party die Gespräche in Gang. Angesichts zehn Millionen aktuell registrierter Verkehrssünder wird deutlich: Ob rote Ampel überfahren oder zu schnell in der Ortschaft unterwegs – viele Autofahrer sind in dem berüchtigten Punkte-Register schon einmal aktenkundig geworden.

Die Sünder-Kartei nahm im Januar 1958 mit 70 Mitarbeitern in einem alten Hafengebäude am Flensburger Brauereiweg jene Arbeit auf, die aufgrund steigender Motorisierung und wachsender Unfallzahlen im Wirtschaftswunderland dringend gebraucht wurde. Die Zahlen gaben den Beamten im KBA Recht: Bereits nach dem ersten Jahr, Ende 1958, zählte die Kartei 810.000 Verkehrssünder. Dass die Gesamtzahl in 2017 plötzlich von 8,6 auf fast 10,1 Millionen anstieg, hängt mit der Umstellung des Fahreignungsregisters 2014 zusammen. Da die Tilgungsfristen für Ordnungswidrigkeiten von 2 Jahren auf 2,5 und 5 Jahre erhöht wurden, bleiben Millionen Sünder nun länger in den Dateien. Allerdings kommen auch immer neue Delikte dazu, die mit Flensburger Punkten bestraft werden. Unerfreulich stark im Trend: Handynutzung ohne Freisprecheinrichtung.

Mindestens zwei Gründe sind dafür verantwortlich, dass Flensburger Punkte so ein schönes Thema sind: Nahezu jeder Autofahrer hatte schon einmal welche – oder stand zumindest kurz davor. Und: In den Datensätzen des KBA, mit fast 1000 Mitarbeitern Schleswig-Holsteins einzige große Bundesbehörde, schlummern allerhand Geschichten. Sie müssen ja nicht so kurios sein wie die jenes Bauern, der einmal mit Flensburger Punkten dafür bestraft worden sein soll, dass er sein unbeleuchtetes Schwein nachts über die Straße führte. Vom Popstar bis zum Fußball-Nationalspieler – vor Flensburgs Sündensammlern ist auch kein Prominenter sicher.

KBA-Chef Ekhard Zinke ist vor Jahren selbst einmal mit 71 Stundenkilometern in der Stadt geblitzt worden – was ihm ein Pünktchen für zu schnelles Fahren bescherte. Damit befand sich der damalige Vize-Präsident in bester und vor allem größter Gesellschaft. Mit fast 60 Prozent aller Delikte macht zu schnelles Fahren den Löwenanteil der registrierten Verkehrssünden aus.

Zu den größten Fans des Registers gehört übrigens das KBA selbst: „Wir finden das Register ganz großartig und halten es für eine der wesentlichen Säulen der Verkehrssicherheit auf unseren Straßen“, sagt KBA-Sprecher Immen.

Noch ein Trend wird aus den Daten deutlich, der nicht jedem Fahrer gefallen wird: Verkehrssünder sind meist männlich – gleichgültig, ob es um Alkohol am Steuer geht, Fahren ohne Führerschein oder Wiederholungstäter: Männer haben bei fast allen Formen der Flensburger Sünden die Nase vorn. Und der typische Mehrfachtäter ist nicht nur männlich, sondern auch jung – zwischen Anfang 20 und Mitte 30.

Was sich indes auch geändert hat, sind die Speichermedien im Kraftfahrt-Bundesamt: Die Sünder-Akten aus Papier in der Hängeregistratur, die in den Anfangsjahren zur Nacht „mit großen Hüllen aus schwerem Tuch“ verschlossen worden waren, gehören im Jahr 2017 zwar noch nicht endgültig der Vergangenheit an. Der Papierbestand macht aber mit rund 2,7 Millionen Personen mittlerweile weniger als ein Viertel des Gesamtbestandes aus.

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