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Flensburger Tageblatt

19. August 2017 | 13:51 Uhr

Vergessener Geldschatz für die Kunst

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Strugalla-Denkmal am Polizeipräsidium wurde aus fast vergessenen Kunst-am-Bau-Mitteln finanziert / Aus 80 000 Mark wurden 95 000 Euro

Das Resultat steht schon seit Monaten auf einem Sockel aus Ziegelsteinen. Seit vergangenem Herbst hat Flensburg ein Denkmal, das an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert. Es befindet sich, wie berichtet, vor der heutigen Polizeidirektion, stammt in seinem Ursprung von einem verfolgten jüdischen Künstler, Joseph Hebroni. Der verbrachte seinen Lebensabend in Flensburg, weil seine Frau gebürtige Flensburgerin war. Mit der künstlerischen Umsetzung des Bildhauers Clemens Strugalla können die meisten gut leben und eine politische Berechtigung hat das Denkmal in Flensburg, das Sitz der letzten Nazi-Regierung war, allemal. Trotzdem bleibt die Frage: Wie konnte die Stadt dieses inzwischen auf 115 000 Euro angewachsene Projekt eigentlich stemmen?

Nachgefragt bei Torge Korff vom Kulturbüro, ergibt sich eine Auflösung des Rätsels, das weit in die Flensburger Baugeschichte zurückreicht: 1974 gründete die Stadt die „Stiftung Bildende Kunst der Stadt Flensburg“. Als „einmalige Zuwendung“ zahlte sie 80 000 DM ein. „Die … Stiftung verfolgt aussschließlich ... die Förderung freischaffender bildender Künstler durch Erwerb eines ihrer Werke. Die Künstler sollen in … Flensburg ... ansässig oder tätig sein“, heißt es auszugsweise in der Stiftungsurkunde, die im Stadtarchiv lagert.

Genau aus den Gewinnen dieser Stiftung wurden für das Denkmal 95 000 Euro entnommen. Die restlichen 20 000 kamen vom Land. Woher das Stiftungsgeld stammte, ist auf die Schnelle mit Gewissheit nicht zu erfahren. Doch auch ohne stundenlanges Eintauchen in Sitzungsprotokolle vergangener Kulturgremien, liegt die Antwort auf der Hand. Museumsdirektor Michael Fuhr, seinerzeit Ideengeber für die Ausführung des Denkmals, spricht sie aus: „Das ist Geld, das für Kunst am Bau-Maßnahmen bereitgestellt wurde, aber nicht sofort verbraucht wurde.“ Er tippt auf den Bau des Rathauses, der 1964 abgeschlossen war.

Angelehnt an den Bund, der sich 1950 dazu verpflichtet hatte, im Zuge seiner Bauten zumindest 1 Prozent der Kosten in Kunst zu investieren, zahlten die meisten Städte, Länder und Kommunen immer einen kleinen Prozentsatz pro öffentlichem Bauwerk für Kunstobjekte. Nun befindet sich vor dem Rathaus ein Wasserspiel in Form einer langgestreckten Wand. Sie kam jedoch erst im Zuge der Umgestaltung des Rathauses in den 90er-Jahren hinzu und sollte einen Höhensprung im Gelände kaschieren. Hier wurde nicht nachgeholt, was 1964 versäumt wurde.

Statt das Geld sofort in Kunst zu investieren, hat die Stadt es offensichtlich geparkt. Seit 1964 konnten eine Menge Zinsen erwirtschaftet werden. „Da ist ordentlich angespart worden“, bestätigt Max Stark, der von 2008 bis 2013 Kulturausschuss-Vorsitzender war. Torge Korff ergänzt: „Für die Hebroni-Skulptur wurde das Stiftungskapital von heute 60 000 Euro nicht angetastet.“ Aber das verfügbare Geld aus Zinserträgen sei deutlich zurückgegangen, auf 16 000 Euro.

„Es sind sehr viele öffentliche Bauten in den 60er- und 70er-Jahren entstanden“, so der frühere Stadtpräsident Christian Dewanger. Auch er kann sich vorstellen, dass Geld vom Rathausbau im Stiftungsetat enthalten sind. Aber genau weiß er das nicht. „Da war ich ja noch nicht mal geboren“, so Dewanger.

Kunst am Bau gilt bis heute. 1994 gab es einen neuen Erlass auf Landesebene, den Torge Korff auch für die Stadt Flensburg als verbindlich ansieht. „Gerade in finanzpolitisch schwierigen Zeiten darf die öffentliche Hand nicht nachlassen, Kunst zu fördern“, heißt es da. Auch wenn die Umsetzung manchmal ein paar Jahrzehnte länger dauert, wie im Fall des Flensburger Denkmals.

Er habe sich schon gewundert, sagt Michael Fuhr, als er 2009 nach Flensburg kam und in der Kunstkommission das Thema einer Holocaust-Skulptur diskutiert wurde. „So spät noch“, so der Museumsdirektor. Aber eine Idee konnte er beisteuern. In Rendsburg war er mit Hebroni-Arbeiten in Berührung gekommen. Eine Tonskizze, Bozzetto genannt, aus dem Besitz seines Museums wurde schließlich zur Ausgangsidee des Denkmals. Im Bozzetto hat sich Hebroni selbst gezeigt als Prometheus. Der antike Menschenbildner wird gerne als Alter Ego des Bildhauers verstanden, der ebenfalls Menschen nachbildet. Der ausführende, in Rheinland-Pfalz lebende Bildhauer Clemens Strugalla, ergänzte drei Figuren auf der Denkmal-Rückseite. Sie symbolisieren Unterdrückung, Leid und Auflehnung.

Der Standort ist ihm ein wenig zu dicht an den ehemals nazibesetzten Gebäuden Alte Post und Polizeidirektion. In einer Fotomontage zeigt er, wie die Skulptur auf einer grünen Insel jenseits der Straße ausgesehen hätte. Seiner Meinung nach besser. Aber der Standort wäre nicht zu verwirklichen gewesen. Der Boden hätte das schwere Kalkstein-Monument nicht tragen können, denn unterirdisch fließt dort der Mühlenstrom.

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erstellt am 25.Feb.2014 | 13:00 Uhr

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