Vergangenes für die Zukunft bewahren

Schön und gut erhalten: die Wand- und Deckenmalereien in der 'guten Stube'.
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Schön und gut erhalten: die Wand- und Deckenmalereien in der "guten Stube".

Jürgen Swoboda liebt Oldtimerautos und Häuser mit Vergangenheit - ganz nach dem Motto: Leben und Arbeiten unter alten Dächern

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19. Mai 2012, 07:00 Uhr

QUERN | Ein historisch wertvolles Gebäude zu besitzen, es fachgerecht instand zu setzen und zu erhalten, dazu gehört viel Mut, Flexibilität und Geld. So lautet das Credo der schleswig-holsteinischen Stiftung Kulturdenkmale und so ist auch die Erfahrung des 54-jährigen Jürgen Swoboda, von Beruf Kraftfahrzeugmeister und dabei ganz speziell Restaurator für technisches Kulturgut - sprich Oldtimerfahrzeuge. Da ihm "das Leben und Arbeiten unter alten Dächern" eine Herzensangelegenheit ist, gehören zu seinem Faible für den Erhalt von Kulturgut nicht nur alte Autos, sondern auch alte Gebäude, die, wie in seinem Fall, für Kalleby ortsbildprägend sind. Sie sind ein Stück Vergangenheit, das er in der Gegenwart für die Zukunft erhalten möchte.

Als unlängst der schleswig-holsteinische Denkmalpflegepreis der Stiftung Kulturdenkmale an Gerhard Mittelmann aus Kappeln für die Sanierung und den Umbau des alten Speichers am Hafen verliehen wurde, gab es auch für Jürgen Swoboda viel Lob - für den Erwerb der Hofstelle "Nielsen-Hof", die "überzeugende bauliche Sanierung, den kompromisslosen Umgang mit dem Original" und die damit verbundene Authentizität, wie die Jury mitteilte.

Swobodas Fachbetrieb für Fahrzeug restaurierung gibt es seit 26 Jahren - seit zwei Jahrzehnten in der ehemaligen Meierei in Kalleby. Wer Besitzer eines Oldtimerautos ist, liebt es nicht nur, der will es auch gepflegt und instand gehalten wissen. Deshalb kommen Jahr für Jahr regelmäßig zwischen 500 und 600 Oldtimerbesitzer - sogar aus Norwegen oder Italien - nach Kalleby. Peu à peu hat Swoboda seinen Betrieb ausgeweitet und gerade drei weitere Mitarbeiter eingestellt - jetzt sind es bereits 21. Dazu gehören drei Auszubildende für das Kraftfahrzeughandwerk -Fachrichtung "Oldtimerei".

Zu "Leben und Arbeiten unter einem Dach" gehört für den Kallebyer Kulturgut-Bewahrer aber auch, dass er mit seiner Frau Hendrikje Müller - zuständig für die Buchhaltung - und Töchterchen Charlotte über der Werkstatt in der einstigen Meierei wohnt. Das Gebäude liegt im Kreuzungsbereich der Kreisstraße 100 und dort, gleich gegenüber, hat Swoboda auf einem im Original erhaltenen Resthof seine Autosattlerei eingerichtet. Jüngste Errungenschaft des Unternehmers ist der sogenannte Nielsen-Hof - auf der anderen Straßenseite im Blickfeld der Autowerkstatt. Gekauft hat er das Anwesen 2008 und auch gleich beantragt, es unter Denkmalschutz zu stellen.

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es an gleicher Stelle ein kombiniertes Wohn- und Wirtschaftsgebäude - da befand sich der Hühnerstall gleich neben der Stube. Das heutige Wohnhaus entstand 1896 und zeugt, so Swoboda, von einem gewissen Wohlstand seines damaligen Besitzers. 1901 wurde eine Scheune mit Kuh-, Schweine- und Pferdestall sowie im Obergeschoss ein Lager für Getreide und Stroh gebaut. Durch Einheirat kam Lorenz Nielsen Mitte der 1950er Jahre auf diesen Hof - daher der Name Nielsen-Hof. Als der Besitzer 2008 starb, griff Jürgen Swoboda zu. Zum einen benötigte sein Fahrzeug-Betrieb mehr Platz, zum anderen war das Anwesen "so fantastisch, dass ich nicht widerstehen konnte". Seitdem restauriert Swoboda nicht nur Autos, sondern auch den Nielsen-Hof. Dafür hat er zwei Bauhandwerker als zusätzliche Mitarbeiter seines Betriebes eingestellt. Die Scheune ist im Inneren zu einem dreistöckigen Ersatzteillager umfunktioniert worden. Im nächsten Jahr kommen dort das Auslieferungslager für restaurierte und abholbereite Fahrzeuge sowie ein Tresen mit allem, was ein Oldtimer-Fahrer so braucht, hinzu - vom Auspuff bis zur Zündkerze, von der Blumenvase fürs Armaturenbrett bis hin zum Holzlenkrad.

Den Mitteltrakt ließ Swoboda entkernen, den Boden mit den vorgefundenen Feldsammelsteinen neu auslegen und mit Harz versiegeln. Eine Ausstellungshalle für 25 Fahrzeuge und zugleich eine Räumlichkeit für Veranstaltungen mit bis zu 130 Personen entsteht dort. Hier treffen sich im August die Teilnehmer der Oldtimer-Rallye "Angeln Classic", die Jürgen Swoboda seit drei Jahren organisiert. Hier wird es demnächst auch eine "Butike" geben - mit allem, was der Oldtimerfahrer für sein Outfit benötigt.

Und dann das Wohnhaus: Aus dem einstigen Gesindezimmer ist ein Büro geworden und im Obergeschoss gibt es zwei Gästezimmer für Kunden, die von weit angereist sind. Ein wahres Schmuckstück ist im Erdgeschoss die "gute Stube" mit sehr gut erhaltenen Wand- und Deckenmalereien, gefertigt von dem in Angeln einst weithin bekannten Maler Asmus Remmer.

Noch nicht angetastet hat Swoboda das Altenteil - es wartet darauf, ebenfalls restauriert zu werden. Es gibt also noch viel zu tun - und das ist, daraus macht er keinen Hehl, in jeder Beziehung sehr aufwändig. Anfangs hatte er gedacht, dass der Nielsen-Hof für ihn zu einer Lebensaufgabe werden würde, aber: "Das meiste ist bereits geschafft." Die Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege bezeichnet er als sehr gut. Wenn es gelinge, alte Häuser zu erhalten und sie einer neuen Nutzung zuzuführen, bleiben die Dörfer lebendig, sagt Swoboda und erachtet Kalleby als ein dafür gutes Beispiel.

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