Statt Südermarkt : Verdrängter Wochenmarkt in Flensburg: Zwischen Kohl und Käse im Trüben fischen

Überschaubare Situation: Nur wenige Kunden verloren sich gestern an den etwa 30 Ständen des Wochenmarkts auf der Großen Straße – wie hier beim Bioland-Händler unweit des Heiligengeistgangs.
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Überschaubare Situation: Nur wenige Kunden verloren sich gestern an den etwa 30 Ständen des Wochenmarkts auf der Großen Straße – wie hier beim Bioland-Händler unweit des Heiligengeistgangs.

Die Wochenmarkt-Premiere auf dem Nordermarkt und in der Großen Straße leidet unter Regen und Kundenmangel.

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23. November 2017, 06:00 Uhr

Das Wetter passte zur Stimmung wie angegossen. Nieselregen und Tristesse pur zur Premiere des neuen Wochenmarktes auf Nordermarkt und Großer Straße. Viele traten die Suche nach ihrem Lieblingsstand gar nicht erst an – andere wurden nach einer kleinen Odyssee fündig, um zum Beispiel einen Kohlkopf ihrer Wahl zu kaufen.

Wie Erich Schwichtenberg aus Hürup. Der alte Herr ist extra mit dem Bus gekommen, stapft vom Zob über die Nikolaistraße Richtung Norden – die Kapuze über dem Kopf. Er hält Ausschau nach dem Stand von Jan Nebbe. „Ist er überhaupt noch da?“, fragt er sich. Schließlich wird er am Nordermarkt fündig.

Dort trotzt Jan Nebbe tapfer dem Trend. „Wir wollen ja nicht schwarzmalen“, sagt er und blickt traurig auf sein Gemüse, das nicht weniger werden will. „Ich habe auf jeden Fall weniger in der Kasse als an einem normalen Schlechtwettertag auf dem Südermarkt“, sagt er. In diesem Punkt sind sich fast alle Händler einig. „Die Umsätze gehen sichtlich zurück. Und die meisten Kunden sind unzufrieden“, heißt es beim Bioland-Stand, der am Sonnabend schon wieder einen neuen Platz zugewiesen bekommt. „Ist ja auch eine unmögliche Situation, gerade für ältere Menschen“, ärgert sich Sylvia Wieland. „Und für die Marktleute furchtbar, wenn sie viel weniger verdienen.“ Tatsächlich bilanziert Boy Gondesen, Vorsitzender des Wochenmarktvereins, am Ende des Tages ein durchschnittliches Umsatzminus von 50 Prozent.

Und die positiven Aspekte? „Es ist gut, wenn die Große Straße aufgewertet wird“, findet Hanna Pankow, „davon werden die Geschäftsleute profitieren. Und Ursula von Luck freut sich, dass sie mit ihrem Rollator hier besser vorankommt als auf den Holzschnitzeln auf dem Südermarkt. Anita Pirschel aus Glücksburg greift einen ganz anderen Aspekt auf: „Die Leute sollen nicht so viel meckern!“

Als erfreulich zu vermerken ist zudem, dass die Logistik reibungslos lief. Vertreter der Stadt und der Tourismus-Agentur (Taff) waren sehr früh vor Ort und konnten beobachten, dass es mit der Anfahrt, dem Aufbau und später Abbau recht gut geklappt hat. Nur zwei Mini-Crashs mit dem Lieferverkehr hat es in Höhe der Commerzbank gegeben, weil dort Stände gegenüber aufgebaut waren; das soll sich am Sonnabend schon ändern.

Sicherlich hält sich der Erkenntnisgewinn bei dieser Generalprobe aufgrund des Schmuddelwetters in Grenzen. Doch absehbar ist: An die breite Fächerung der Stände werden sich die Marktbesucher nur schwer gewöhnen. Auch der Verlust der intimen, familiären Atmosphäre wird beklagt. Boy Gondesen: „Unsere Stammkunden sind schwer zu motivieren, sie verlassen ihre gewohnten Laufwege nicht so gern.“ Gorm Casper, Vorsitzender der Taff, Veranstalter des Weihnachtsmarktes, spricht hingegen von einem guten Feedback. Die Hütten auf dem Südermarkt, sagt er auf Nachfrage, seien vertraglich festgelegt. „Das ist auch bisher von niemandem hinterfragt worden.“ Diese Stände und die Pyramide als bildgebendes Element zu verlegen, sei illusorisch. „Da wird uns niemand folgen.“ Der Wochenmarkt hingegen sei „frei verschiebbar“ gewesen.

KOMMENTAR

Vertrag ist Vertrag

Warum, in des Weihnachtsengels Namen, hat man das nicht schon früher gesagt? Da machen sich Händler des Wochenmarktes und deren Kunden seit Wochen darüber Gedanken, warum man es als gottgegeben voraussetzt, dass der Weihnachtsmarkt auf dem Südermarkt bleiben muss wie festzementiert – und somit den Wochenmarkt vom traditionellen Standort verdrängt. Diese scheinbar unumstößliche Tatsache erfuhr am Mittwoch eine Begründung, die in der öffentlichen Diskussion zuvor noch nicht gefallen war. Es gibt Verträge mit den Beschickern des Weihnachtsmarktes, die ihnen das Recht zusichern, rund um die Pyramide Punsch und Grünkohl unters Volk zu bringen. Die gute Nachricht für die Händler: Die Verträge sind auf dieses Jahr befristet. So dürfen sie also hoffen – auf neue Verhandlungen. Ergebnisoffen, wie versprochen.

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