Als erste Stadt in SH : Verbot von sexistischer Werbung – wird Flensburg zur Vorreiterstadt?

Halb nackte Frauenkörper sind beliebte Werbemotive – auch wenn zwischen ihnen und dem beworbenen Produkt  kein Zusammenhang besteht.

Halb nackte Frauenkörper sind beliebte Werbemotive – auch wenn zwischen ihnen und dem beworbenen Produkt kein Zusammenhang besteht.

Flensburg könnte die erste Stadt in SH sein, die sexistische Werbung aus dem Stadtbild verbannen will.

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14. Februar 2019, 20:40 Uhr

Flensburg/Lübeck | Nackte Haut ist nicht das Problem. Will ein Dessous-Unternehmen einen neuen BH bewerben, bietet es sich durchaus an, eine Frau im BH abzulichten. Will ein Unternehmen jedoch Bier, Möbel oder Geräte verkaufen, ist der Körper einer Frau irrelevant, sagt der Deutsche Werberat. In der Kommunalpolitik Schleswig-Holsteins kocht das Thema Sexismus in der Werbung derzeit hoch.

Anträge gegen diskriminierende und sexistische Werbung in Flensburg und Lübeck

Auch wenn sexistische Werbung ethisch nicht in Ordnung ist, ist sie in Deutschland rechtlich jedoch zulässig. In Schleswig-Holstein könnte das bald eingeschränkt werden. In Lübeck und Flensburg wurden in den vergangenen Wochen Anträge diskutiert, die sexistische, frauenfeindliche und diskriminierende Werbung auf städtischen Werbeflächen verbieten sollen. Dazu sollen entsprechende Klauseln in künftige Werbeverträge zwischen Unternehmen und den Städten aufgenommen werden.

Wer überwacht Werbeinhalte?

Der Deutsche Werberat. Seine Aufgabe ist es, zu überprüfen, ob Werbung, die rechtlich zulässig ist auch ethische Grenzen nicht überschreitet. Wenn er die Werbung eines Unternehmens Personen gegenüber als herabwürdigend und diskriminierend befindet, hat er die Möglichkeit, entsprechende Unternehmen zu rügen. Jede*r kann Werbung beim Werberat melden (zum Beschwerdeformular).

Aus der letzten Beschwerdebilanz (2017) geht hervor, dass über 60 Prozent der gemeldeten Fälle geschlechterdiskriminierende Werbung betreffen.

In 90 Prozent aller Fälle, in denen der Werberat Unternehmen auf den Verstoß gegen den Werbekodex aufmerksam machte, folgten die Unternehmen dem Votum des Rates, indem sie freiwillig die rechtlich zulässige Werbung korrigierten oder entfernten.

Lübeck lehnt Antrag ab

In Lübeck wurde am Dienstag (12. Februar) im Hauptausschuss über den Antrag der Fraktion Die Linke entschieden. Die Mehrheit war sich einig, dass die Stadt sich gegen sexistische Werbung positionieren sollte, jedoch würden die Maßnahmen des Werberates ausreichen, um gegen Einzelfälle vorzugehen.

In dem Antrag wurde vorgeschlagen, dass sich die Hansestadt verpflichtet, Werbeaufträge mit Vertragspartnern zurückzuweisen, deren Inhalte sexistisch sind. Im Einzelfall solle der Bürgermeister einvernehmlich mit dem Frauenbüro der Stadt entscheiden.

Gute Chancen in Flensburg – Entscheidung am Dienstag

Auch in Flensburg sieht der Antrag (Grüne, SPD, SSW und Linke) vor, dass Klauseln in Werbeverträge aufgenommen werden, die sexistische, frauenfeindliche und diskriminierende Werbung auf städtischen Flächen verbieten. Desweiteren soll eine Arbeitsgruppe (bestehend aus zwei Mitgliedern des Gleichstellungs-Ausschusses, dem Gleichstellungsbüro und dem AK Vielfalt) über die Einzelfälle entscheiden. Die Mitglieder des Ausschusses haben den Antrag angenommen. Am 19. Februar (Dienstag) entscheidet der Hauptausschuss.

Stimmt er für den Antrag, könnte Flensburg die erste Stadt in Schleswig-Holstein sein, die sexistische Werbung verbietet. Deutschlandweit haben bereits mehrere Städte ein solches Vorhaben beschlossen: München, Bremen, Frankfurt, Berlin Kreuzberg und Leipzig.

Wie stehen die Chancen für den Antrag in Flensburg?

Hinter dem Antrag steht ein breites Bündnis aus den Grünen, der SPD, dem SSW und den Linken, die gemeinsam zehn von 16 Stimmen im Hauptausschuss haben. „Ich bin zuversichtlich, dass die Mehrheit für den Antrag stimmen wird“, erklärt Ellen Kittel-Wegner, Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/ Die Grünen und Mitglied im Hauptausschuss.

Auch Aminata Touré (Bündnis 90/ Die Grünen), Landtagsabgeordnete und Sprecherin für Frauenpolitik und Gleichstellung, begrüßt das Vorhaben: „Wir finden es gut, wenn man politische Maßnahmen formuliert, wenn Entwicklungen nicht von alleine stattfinden“, sagt sie auf Nachfrage von shz.de.

Ich finde es großartig, wenn die Stadt Flensburg das in Angriff nimmt! Aminata Touré, Bündnis 90/ Die Grünen

Der Antrag sieht vor, dass die Arbeitsgruppe nicht nur Ansprechpartnerin für Werbung auf städtischen Flächen ist, sondern auch auf Unternehmen zugeht, wenn sie sexistische Werbung auf sonstigen Flächen in Flensburg machen. Bürgerinnen und Bürger können sich somit an das Gremium wenden, wenn ihnen sexistische und diskriminierende Motive auffallen. Die Stadt könne den Unternehmen diese nicht verbieten, erklärt Ellen Kittel-Wegner, aber sie könne ein Zeichen setzen, indem sie auf diese Unternehmen zugeht und um Korrektur bittet.

Wie wird entschieden, was sexistisch ist?

Die Arbeitsgruppe würde sich bei der Beurteilung der Einzelfälle an die Kriterien des Deutschen Werberates halten. Demnach handelt es sich um sexistische Darstellungen, wenn

  1. Geschlechtsbezogene Über-/Unterordnungsverhältnisse dargestellt werden,
  2. Eigenschaften, Fähigkeiten und soziale Rollen in Beruf und Familie ausschließlich aufgrund von Geschlecht zugeordnet werden,
  3. sexuelle Anziehung als ausschließlicher Wert von Frauen dargestellt wird,
  4. sexuelle Verfügbarkeit suggeriert wird.

Im Wesentlichen geht es darum, dass die sexuelle Attraktivität einer Frau oder eines Mannes nicht verwendet wird, ohne dass sie in einem Sachzusammenhang zu dem beworbenen Produkt steht.

Außerdem soll Werbung Männer und Frauen nicht einseitig in klischeehaften Rollenbildern zeigen. Werbung ist ebenfalls nicht zulässig, wenn sie Frauen aufgrund ihres Geschlechts demütigt und lächerlich macht, oder den Eindruck vermittelt, man könne sie wie Ware erwerben. Die Regelungen gelten auch für Motive, die Männer zeigen, jedoch kommen Verstöße hier sehr viel seltener vor.

Wäre eine ähnliche Lösung auch auf Landesebene denkbar?

Aminata Touré sieht für ein solches Vorhaben derzeit wenig Chancen auf Landesebene. Bislang habe man das nur parteiintern besprochen. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass es für ein solches Vorhaben auf Landesebene eine Mehrheit mit CDU und FDP geben wird.“

Sollte die Politik sexistische und diskriminierende Werbung explizit verbieten?

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