Bergabenteuer mit Männern aus Flensburg : Vater und Sohn auf dem Gipfel des Elbrus

Schritt für Schritt nach oben: Niklas Heitmann bei schönstem kaukasischen Bergwetter an der Spitze der Gruppe. Fotos: Heitmann
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Schritt für Schritt nach oben: Niklas Heitmann bei schönstem kaukasischen Bergwetter an der Spitze der Gruppe. Fotos: Heitmann

Holger und Niklas Heitmann sind in Russland gemeinsam auf den höchsten Berg (5642 Meter) des Kaukasus gestiegen

shz.de von
27. März 2017, 07:37 Uhr

Eigentlich sollte die Fahrt mit dem Bus von der Stadt „Mineralny Vody“ (Mineralwasser) im Nordkaukasus zu dem Hotel im Baksan-Tal nur vier Stunden dauern. Aber dann gab der Bus nach einer Stunde den Geist auf. Der Fahrer stieg aus, öffnete die Motorhaube, zückte sein Taschenmesser, entfernte einige Kabel und Klemmen, warf alles hinter sich, schloss die Motorhaube – und weiter ging’s. Das war die erste Begegnung der beiden Flensburger Bergwanderer mit technischen Phänomenen in Russland; weitere sollten folgen.

Holger Heitmann und sein Sohn Niklas waren mit einer Gruppe des „Summit-Clubs“ im Deutschen Alpenverein unterwegs. Ziel war es, innerhalb von 13 Tagen den Elbrus, den – je nach Sichtweise – höchsten Berg Europas mit 5642 Meter zu besteigen. Die Gruppe bestand aus neun Männern und drei Frauen. Die Führung übernahmen der österreichische Bergführer Roland und sein russischer Kollege Eugen.

Zur Vorbereitung für den Aufstieg auf eine so große Höhe muss man mehrere „Eingehtouren“ mit unterschiedlichen Höhen bewältigen. „Das ist notwendig, um mehr rote Blutkörperchen für den besseren Sauerstofftransport in der dünnen Luft zu gewährleisten“, sagt Holger Heitmann, der schon 6000er bestiegen hat, unter anderem in den Anden. Mit einem uralten Militärlaster ging es zum Ausgangspunkt der Tageswanderung. Um die Steigung zu schaffen, schaltete der Fahrer den Allradantrieb ein. Als der Schalthebel immer wieder aus seiner Position sprang, klemmte er kurzerhand einen dicken Knüppel zwischen Schalthebel und Frontabdeckung.

„Es war geplant, dass wir uns zehn Tage lang auf den Gipfelsturm vorbereiten sollten“, so Heitmann, „aber am Morgen des fünften Tages erklärte uns der erfahrene österreichische Bergführer, dass an dem geplanten Gipfeltag der Wind so stark auffrischen würde, dass eine Besteigung bei eisiger Kälte unmöglich wäre.“ Kurz entschlossen wurde alles eingepackt und zusammen mit Lebensmitteln und Trinkwasser für die nächsten zwei Tage mit einer mindestens 50 Jahre alten klapprigen Gondelbahn, danach mit einem noch älteren Modell einer Sesselbahn zum „Basecamp“ geliftet. Dort fand die Gruppe „Botschkis“ vor, Unterkünfte in Form von Fässern, die mit je sechs Betten ausgestattet waren. Seit Jahrzehnten bieten sie den Bergsteigern Schutz vor Kälte und Nässe.

Die letzte vorbereitende Wanderung mit Steigeisen führte die Gruppe über den Gletscher auf den „Pastuchovfelsen“ (4650 Meter). „Wir quälten uns die fast 1000 Höhenmeter keuchend aufwärts, und manch einer aus der Gruppe gab zu, etwas ängstlich an den nächsten Tag, den Elbrustag, zu denken“, erinnert sich Heitmann.

Am Gipfeltag klingelte der Wecker um 0.45 Uhr. Die Glieder waren noch schwer von dem anstrengenden Aufstieg des Vortags. Aber die spannungsvolle Erwartung erzeugte genug Adrenalin. Eine Pistenraupe brachte die Kletterer in eisiger Kälte wieder auf den Pastuchovfelsen. Dort begann das Abenteuer der Elbrus-Besteigung. Heitmanns Bericht: „Im Lichte der Stirnlampen erklommen wir zunächst angemessen langsam die erste Steilstufe. Wir sahen nur die Hacken unserer Vorderleute und die Lichter der anderen Gruppen, die vor uns gestartet waren. Ein leichter Wind kam auf, und es war deutlich kälter als im Basecamp. Auf circa 5000 Metern Höhe begann eine leicht ansteigende Querung, die nicht mehr ganz so fordernd wirkte. Trotzdem klagten die ersten aus unserer Gruppe über Kopfschmerzen, Erschöpfung und Übelkeit, Anzeichen für die Höhenkrankheit. Als die Sonne aufging, zeigte sich der Kaukasus von seiner schönsten Seite. Mehrere Viertausender jenseits des Tales erglühten in Gold und Rot, und der Himmel färbte sich in allen Spektralfarben. Auf eine leichte Dunstdecke im Tal legte sich der Schatten des Elbrus – unbeschreiblich schön. Der Anblick, den wir in einer Verschnaufpause genießen durften, gab den erschöpften Bergsteigern neue Kraft. Weiter ging es Schritt für Schritt mit rasendem Puls und schnellem Atem im folgenden Rhythmus: steigen, stehen, tief atmen, Puls beruhigen, weiter steigen. Auf dem letzten Steilaufschwung zog sich die Gruppe immer weiter auseinander. Ungefähr 400 Meter vor dem Ziel wartete ich auf meinen Sohn Niklas, um mit ihm gemeinsam den Gipfel zu erreichen. Dort gab es Zeit für Gratulationen, Gipfelfotos und den Blick über die unter uns liegende russische Welt mit dem atemberaubend schönen Kaukasusmassiv. Nach etwa 15 Minuten begann der Abstieg in Zonen mit einer mehr sauerstoffhaltigen Luft, was man bei jedem Schritt deutlich spüren konnte. Nach neuneinhalb Stunden erreichten alle erschöpft, aber stolz über das bestandene Abenteuer das Basislager. Natürlich wurde das gebührend im Stil der Bewohner des Kaukasus gefeiert: mit Fleischspießen und Wodka.“

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