Landgericht Flensburg : Urteil im Prozess um Mert Can: Lange Haftstrafen für Angeklagte

Die verurteilten Jugendlichen mit ihren Anwälten.

Die verurteilten Jugendlichen mit ihren Anwälten.

Mert Can starb durch Messerstiche in den Bauch. Die beiden Haupttäter müssen für die Tat ins Gefängnis.

shz.de von
06. Juli 2018, 11:41 Uhr

Flensburg | Wortlos stach der Mörder zu. Zweimal rammte er in der Nacht zum Ostersonntag 2017 nach Überzeugung des Landgerichts Flensburg das Butterflymesser tief in den Bauch seines 20 Jahre alten Opfers, das nur in T-Shirt und Boxershorts an der Haustür seines Elternhauses im Norden Flensburgs stand. Begleitet wurde der Messerstecher dabei von seinem Freund und Cousin, der die Tat initiiert hatte. Die damals 20 Jahre alten Männer sind am Freitag von der Jugendkammer des Landgerichts wegen gemeinschaftlichen Mordes zu Jugendstrafen von neun beziehungsweise sechseinhalb Jahren verurteilt worden. Die Höchststrafe im Jugendstrafrecht für Heranwachsende beträgt zehn Jahre. Nur bei einer besonderen Schwere der Schuld kann der Angeklagte zu 15 Jahren verurteilt werden.

 

Mit der Urteilsverkündung ist ein gut neunmonatiger Prozess zu Ende gegangen. An insgesamt 38 Verhandlungstagen versuchte die Jugendkammer die Abläufe der Tatnacht zu rekonstruieren und vor allem herauszufinden, welcher der beiden Angeklagten zugestochen hat. Denn für die Tat selbst gibt es keine Zeugen. Die beiden jungen Männer beschuldigten sich in der Verhandlung gegenseitig, die tödlichen Stiche versetzt zu haben. Doch für das Gericht ergab sich in der Beweisaufnahme ein eindeutiges Bild: Der Angeklagte I. hat zugestochen. Dafür sprechen die Indizien, wie die Kammervorsitzende sagte. R. habe aber einen wesentlichen Beitrag zur Tötung geleistet. Er sei es gewesen, der den Impuls dafür gab.

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Die Verteidiger hatten Freisprüche für ihre Mandanten gefordert, da ihrer Ansicht nach nicht zweifelsfrei nachweisbar war, wer zustach. Die Staatsanwaltschaft hatte auf Verurteilungen wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen nach dem Jugendstrafrecht plädiert. Gegen das Urteil kann Revision eingelegt werden.

R. wirkte sichtlich mitgenommen, als er das Urteil hörte. Tränen rannen über sein Gesicht. Er schaute zu Boden, wischte sich mit der Hand über die Augen. I. reagierte äußerlich regungslos, fast cool auf das Urteil. Den Kopf auf die Hand abgestützt blickte er zur Richterbank.

„Sie haben sich des gemeinschaftlichen Mordes schuldig gemacht“, sagte die Vorsitzende Richterin in ihrer mehr als zweistündigen Urteilsbegründung. Diese hörten sich Dutzende Freunde und Verwandte des Getöteten an. Viele trugen schwarze T-Shirts mit dessen Konterfei sowie dem Namen des fußballbegeisterten jungen Mannes und einer 7 – der Trikotnummer seines Lieblingsfußballers Cristiano Ronaldo – auf dem Rücken.

Große Anteilnahme: Freunde und Verwandte hängten kurz nach der Tat ein Banner an der Zob-Kreuzung auf. Jetzt soll auf sportliche Weise an Mert Can erinnert werden.
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Große Anteilnahme: Freunde und Verwandte hängten kurz nach der Tat ein Banner an der Zob-Kreuzung auf. Jetzt soll auf sportliche Weise an Mert Can erinnert werden.

Die beiden Angeklagten hätten ihr Opfer zwar nicht heimtückisch, aber aus niederen Beweggründen getötet, sagte die Kammervorsitzende. Es sei keine spontane Tat nach einem Streit gewesen, sondern eine überlegte. Die vorausgegangenen Auseinandersetzungen in den Wochen zuvor und auch in der Tatnacht stünden in keinem Verhältnis zur Tat.

Im März 2017 hatte es einen Streit zwischen dem späteren Opfer und I. sowie dessen jüngerem Bruder gegeben. Infolge dessen tauscht I. mit Freunden Nachrichten im martialischen Ton aus, forderte dazu auf, den 20-Jährigen fertig zu machen. Er schickt auch an seinen Kontrahenten Nachrichten mit (Mord-)Drohungen und Beleidigungen. Einige Tage später versöhnten sich die jungen Männer zwar wieder, aber wohl nicht nachhaltig. I. habe sich gedemütigt gefühlt, dachte, das der 20-Jährige habe seine Drohungen und ihn selbst nicht ernst genommen, sagte die Vorsitzende Richterin. „Dies steigerte seine Abneigung.“

Ostern, in der Nacht vom 15. auf dem 16. April, waren sich dann den Schilderungen zufolge R. und das spätere Opfer zufällig in einer Flensburger Disco begegnet. Dabei war es – wegen der Weigerung einer Bekannten des Opfers mit R. zu tanzen – zum Streit und einer Rangelei vor dem Club gekommen. Der 20-Jährige soll dabei den jüngeren Bruder von R. geohrfeigt haben. Ernsthaft verletzt wurde niemand. R. aber „geriet außer sich vor Wut“, sagte die Kammervorsitzende. Er habe I. kontaktiert, der in Husum gefeiert hatte, und ihm gesagte, er wolle den Konkurrenten abstechen. Er habe gewusst, dass I. einen Hass auf das spätere Opfer entwickelt habe. An das spätere Opfer schrieb R. eine knappe halbe Stunde vor der Tat eine Facebook-Nachricht: „Du Hurensohn, du bist morgen tot.“

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