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Hafermarkt-Abriss : Und plötzlich öffneten sich die Wände

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die ungewöhnliche Immobilien-Geschichte der Uhrmacherfamilie Thomsen im Geschäftskomplex am Hafermarkt.

Es stand allein auf weiter Flur. Das Haus Nummer 5 war schlicht im Weg – und mit ihm die Eigentümer. Uhrmacher Hermann Thomsen war unbeugsam, er weigerte sich zu verkaufen, als Mitte der Achtzigerjahre die Bremer Investorengruppe „Castel“ einen ambitionierten Geschäftskomplex am Hafermarkt errichten wollte. Damit sollte der Aufstieg des vernachlässigten Areals beginnen.

An der oberen Angelburger Straße hatte der Bagger alle Gebäude bereits niedergerissen, Nummer 5 mit dem 1933 gegründeten Uhren- und Schmuckladen stand wie ein Fels in der Brandung. Der Bauherr war im Sommer 1987 gezwungen, drumherum zu bauen. Da aber ein Einkaufszentrum Parkplätze benötigt und eine Tiefgarage entstehen sollte, waren massive Eingriffe ins Erdreich nötig. „Und plötzlich rissen in der Werkstatt die Wände auf, sie öffneten sich und die Regale wackelten“, erinnert sich Holger Thomsen, Sohn des Uhrmachers.

Das Haus wäre fast in die Baugrube gerutscht

Mit seiner Frau Regina blättert der 67-Jährige im Fotoalbum, in dem die kurios anmutenden Vorgänge lückenlos dokumentiert sind. „Unser Haus wäre fast in die Baugrube gerutscht“, sagt Holger Thomsen. Doch das über 150 Jahre alte Gebäude blieb standhaft, es wurde abgestützt, während der Neubau Stück für Stück hochgezogen wurde. „Irgendwann aber merkten wir, das Haus ist nicht zu halten.“ Familie Thomsen stellte einen Abbruchantrag und argumentierte, ihr Eigentum habe durch den Abbruch der benachbarten Häuser enormen Schaden erlitten.

Es begann ein Tauziehen zwischen Eigentümer, Investor und der Stadt. Bauherr „Castel“ wollte nicht länger über entstandene Schäden streiten und bot schließlich an, das Haus Nummer 5 dem Erdboden gleich zu machen und ein neues Gebäude an gleicher Stelle zu errichten. „Trotz finanziellen Entgegenkommens mussten wir kräftig investieren“, sagt Thomsen. Die Werkstatt zog während der Bauphase die Nummer 3 und nach einem halben Jahr wieder zurück. Der Betrieb konnte weitergehen. „Castel“ indes ging noch während der Bauphase in Konkurs und der damals noch gesunde Konzern Philipp Holzmann stieg ein.

Regina Thomsen erinnert sich genau: Am 20. Juni 1988 feierte man Neueröffnung. „Das Einkaufszentrum entwickelte sich anfangs recht gut“, sagt sie, „doch schon Mitte der 90er-Jahre ging’s bergab.“ Auch beschleunigt durch den Abzug der Bundeswehr. Mieter zogen reihenweise aus, die Fluktuation war enorm. Und eine Zukunftsplanung gestaltet sich durch den Eigentümermix äußerst kompliziert. Eine dänische Investorengruppe, die Immobilienfirma Densch & Schmidt und nicht zuletzt die Thomsens haben ihre Aktien in dem Komplex.

Inmitten des dahinsiechenden Projekts, das inzwischen durch offensichtlichen Leerstand den traurigen Höhepunkt seiner Entwicklung erreicht hat, wohnt all die Jahre das Ehepaar Thomsen über ihrem Uhren- und Schmuckgeschäft. Das haben die beiden vor gut zwei Jahren aufgegeben und an die „Goldjungs“ vermietet – ein Leihhaus. Ihr privates Domizil hingegen haben sie behalten: 200 Quadratmeter über zwei Ebenen, Kamin, Sonnenterrasse. Die Fenster zur belebten Angelburger Straße hin sind mit speziellen Thermopanescheiben verglast. Die Thomsens leben gern dort. Doch erneut steht der Familienbesitz zur Disposition. „Wir wissen nicht, was kommt“, sagt Holger Thomsen, „vielleicht wird ja alles platt gemacht.“ Der 67-Jährige zuckt mit den Schultern. „Und dabei dachte ich, man könnte hier alt werden.“

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