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Flüchtlingsstrom am Bahnhof : Überwältigt von Flensburgs Tatkraft

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Flüchtlingsdrama im Flensburger Bahnhof offenbart eine riesengroße ehrenamtliche Hilfsbereitschaft. Ministerpräsident Torsten Albig, der am Freitag vor Ort war, ist von der Unterstützung beeindruckt.

Flensburg | Hamid Jekan ist Taxiunternehmer in Flensburg. Der Mann lebt seit 35 Jahren hier. Er kann aber auch die Nöte der Flüchtlinge ins Deutsche übersetzen. Deshalb steht Jekan an diesem Freitag im Magazin des Bahnhofs, das dieser Tage zum Zentrum des ehrenamtlichen Engagements geworden ist und zum Symbol eines weltoffenen Flensburgs: „Ich finde es toll, dass so viele hier helfen“, erklärt der Taxifahrer Ministerpräsident Torsten Albig: „Wenn es geht, müsste dem Engagement der Bürger etwas von der Stadt zur Seite gestellt werden. Da ist aber nichts organisiert worden.“ Albig hört sich die Schilderungen der Helfer, Ehrenamtler, Übersetzer an. Im Kleidermagazin werden Wäschestücke gesucht, einsortiert, ausgegeben. Zig Helfer sind fortwährend in Bewegung. Einige wie Niklas Kildentoft von der Flüchtlingshilfe haben hier die ganze Nacht verbracht. Frauen bringen Damenbinden, Spielsachen oder Kopftücher vorbei. Wo sonst die Schließfächer genutzt werden, stehen die Gläser mit Babynahrung oder die Packungen mit Toilettenpapier. Frauen kochen Kaffee, Pizzadienste bringen Pizzen in Partygroße vorbei, eine Elftklässlerin kommt direkt aus der Schule zum Helfen. „Es ist bewegend und unvorstellbar, was hier passiert“, sagt Albig. „So viel Solidarität und Unterstützung. Mir fehlen die Worte.“

Seit Mittwochabend organisieren das „Bündnis für ein buntes Flensburg“ um Landtagsabgeordnete Simone Lange und die Facebook-Plattform „Refugees welcome – Flensburg“ um Katrine Hoop das ehrenamtliche Engagement. Nach einer Nacht, die rund 100 Männer in Bahnhofstunnel und Bahnhofshalle verbringen mussten, organisierten Lange & Co gestern eine Übernachtung in der Turnhalle der Gemeinschaftsschule West. Viele dieser Reisenden konnten gestern früh schon ab fünf Uhr nach Kopenhagen weiterreisen.

Wer abends bis kurz nach 22 Uhr nicht mehr in den Kopenhagen-Zug kommt, muss definitiv in Flensburg übernachten. Dann hilft jede Unterstützung. Donnerstagabend bittet Anke Spoorendonk den Bahnhofskiosk kurz vor Toresschluss um die übrig gebliebenen Brötchen. Wann hat es das schon einmal gegeben: Die Europaministerin hilft beim Catering für gestrandete Flüchtlinge.

Am Freitag wird aber auch die Kritik lauter. „Ich verstehe nicht, warum die Ausländerbehörde hier keinen Tisch hat“, schimpft Dirk Dillmann von den Sportpiraten und ergänzt: „Ich verstehe auch nicht, warum die Ehrenamtler die Toiletten reinigen müssen.“

Dass die Nerven vieler Geflohener blank liegen, zeigt das Beispiel Paulsen-Schule. Nachdem etliche der früheren Klassenzimmer überfüllt sind, andere aber in Erwartung zusätzlicher Asylbewerber bis kommende Woche noch leer stehen, beschließen die Flüchtlinge am Donnerstagabend, das Haus zu verlassen. Ein syrischer Familienvater berichtet via Übersetzer, dass neben zwei fünfköpfigen Familien in einem Klassenraum, durch Schränke abgetrennt, auch noch sechs weitere Männer in diesem Raum untergebracht wurden. Das will die Stadtverwaltung nicht bestätigen. Gestern Nachmittag wurde die Paulsen-Schule aber offenbar wieder bezogen.

 

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erstellt am 12.Sep.2015 | 08:00 Uhr

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