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Hinter den Kulissen : Überraschendes Ziel: Dänemark

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Helfer empfangen die ankommenden Flüchtlinge am Bahnhof, die meisten von ihnen sind nur auf der Durchreise – auch eine syrische Familie.

shz.de von
erstellt am 18.Sep.2015 | 14:30 Uhr

Flensburg/Kolding | Berührende Szenen spielen sich am Flensburger Bahnhof ab, als der Regionalexpress um 18 Uhr aus Hamburg ankommt. Eine junge Frau steigt aus dem Zug, sieht ihren Vater und fällt ihm schluchzend um den Hals. Auch der Mann hat Tränen in den Augen, Familienangehörige fotografieren die Szene. Später stellt sich heraus, dass die Frau aus ihrer Heimat geflohen ist und nun wieder mit ihrem Vater vereint ist. Auch eine syrische Familie aus Damaskus ist mit der Bahn aus Hamburg gekommen und steht etwas ratlos auf Gleis 5. Doch sofort nimmt sie die ehrenamtliche Dolmetscherin Inas El-Hachache in Empfang und führt sie nach unten in die Bahnhofshalle. Dort setzen sie sich an einen Tisch, die Töchter bekommen ein Kuscheltier, Chips und Süßigkeiten. Das Kinderbueno landet sofort im Mund von Zahara, ihre große Schwester Fatme öffnet die Packung Erdnussflips und probiert zwei.

Zum Essensstand möchte die Familie nicht, sie haben auf den vorherigen Bahnhöfen etwas bekommen. Ein anderes Flüchtlingsmädchen zeigt auf ein kleines Päckchen mit Orangensaft. Der Dolmetscher, der sie begleitet, hat Schwierigkeiten, das richtige Wort für das Obst zu finden. „Das Kind spricht einen anderen arabischen Dialekt als ich“, sagt er und lacht. Am Ende verstehen sie sich aber doch.

Monira B. steht die Angst ins Gesicht geschrieben, auch ihr Mann Ibrahim braucht erstmal einen Moment Ruhe, bevor er mit Inas’ Hilfe von der Flucht und der geplanten Weiterreise erzählt. Die Töchter Zahara und Fatme freuen sich über ihre Geschenke und lächeln zaghaft. „Wir haben vor rund 50 Tagen unsere Heimat verlassen“, sagt Ibrahim B. Vor gut zwei Wochen ist die Familie von der Türkei aus über Griechenland, Mazedonien und Serbien nach Deutschland aufgebrochen. Sie kommen wie fast alle hier ohne Gepäck an. „Unser Boot ist vor Griechenland gesunken, wir haben alles verloren“, erzählt Monira B. Das griechische Militär hat ihnen geholfen und sie nach Mytilini auf Lesbos gebracht. Dann stand ihnen ein 70 Kilometer langer Fußmarsch bevor. Drei Tage haben sie gebraucht. In Mazedonien haben sie gesehen, wie Flüchtlinge von Soldaten geschlagen wurden. Monira B. ist von diesen Ereignissen traumatisiert.

Geschlafen haben sie seit Beginn ihrer Reise nicht mehr, erzählen die Eltern. „Wie auch?“, sagt Inas, wenn man nie ein Dach über dem Kopf hat, die Nächte auf der Straße oder in überfüllten Camps verbringt. Im Flensburger Bahnhof übernachten die vier Syrer nicht, sondern nehmen den nächsten Zug nach Kolding. In Deutschland bleiben will die Familie nicht. „Mehrere Flüchtlinge haben uns geraten, nach Dänemark zu gehen“, erzählt Ibrahim. „Sie haben uns viel Angst gemacht, was Deutschland betrifft“, fügt seine Frau hinzu.

Dolmetscherin Inas El-Hachache zeigt auf die Bahnhofsuhr – es Zeit ist, zum Zug zu gehen. Auf Gleis 1 steht bereits der Intercity nach Fredericia. Monira, Ibrahim, Fatme und Zahara steigen ein, winken ihrer Helferin zu und verschwinden im Gang. Die Reise in eine ungewisse Zukunft geht weiter.

 

 

 

 

 

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