Über den Dächern von Flensburg : Über 145 Stufen zum Superblick

60 Meter Höhenunterschied und 145 Stufen zwischen Johannisstraße im Tal und Erlenweg auf der Höhe fordern die Kondition.
60 Meter Höhenunterschied und 145 Stufen zwischen Johannisstraße im Tal und Erlenweg auf der Höhe fordern die Kondition.

Das Erklimmen der St.-Jürgen-Treppe eröffnet schöne Perspektiven auf die Stadt

shz.de von
30. August 2017, 07:29 Uhr

Die Flensburger kennen die Wege, auf denen ihre Gäste zur verblüfften Feststellung kommen: „Ich hätte nie gedacht, dass Flensburg so bergig ist!“ Na gut, bergig ist vielleicht etwas hoch gegriffen, aber hügelig – das trifft’s genau auf den Punkt. Die Hügel und die Aussicht von dort sind ein Erlebnis, vor allem für Gäste der Stadt, und eine gute Methode, dieses Erlebnis kennen zu lernen, ist eine Tour über die Flensburger Treppen. Wichtig: Kondition ist nötig, um die Höhen zu erklimmen.

Das Prachtstück unter den Flensburger Treppen ist die große St.-Jürgen-Treppe. Die fordert die „Muckis“. Aber wer die 145 Stufen bewältigt hat, wird mit einem herrlichen Ausblick belohnt.

Besucher der Innenstadt können ihr Auto am Hafendamm abstellen, dann die Kurze Straße hinauf schlendern. Dann stehen sie vor dem Berg der Stufen. Fußgänger nehmen ab Holmnixe den Weg durch die Nikolaistraße hinunter. Unten geht’s am Zob an der Ampel über den Fußgängerüberweg und dann auf den kleinen Fußgängertunnel zu, das „Mauseloch“. Der schönste Weg weiter führt hindurch geradeaus in die Augustastraße hinauf zur Johannisstraße. An der Einmündung wende man sich nach links. Die Johannisstraße ist eine der typischenn Flensburger Altstadtgassen. Früher wurde sie die „Fule Strat“ genannt. Grund war das Wasser, das in vielen Quellen aus dem Hang sprudelte, sich unten sammelte und zu stinken begann.

Hört die Reihe schöner alter Häuser rechter Hand auf, ist der Beginn der Treppe erreicht. Hier ist die Grenze zwischen den Stadtteilen Süder-St.-Jürgen, heute Johannisviertel, und Norder-St.-Jürgen, heute St. Jürgen oder Jürgensby.

Der Blick die Stufen hinauf zeigt, dass Sportlichkeit angesagt ist: 60 Meter Höhenunterschied Stufe für Stufe, zwischen Johannisstraße (unten) und Erlenweg (oben).

Aber das Gelände bietet Abwechslung – ab und an eine Pause beim Anstieg und ein Blick zurück bieten schöne Aussichten. So waren die Grundstücke neben der Treppe einst Gärten für die Häuser unten. Als die Stadt die Treppe herrichtete, kamen die Zäune weg und aus den Gärten wurden gestaltete, begehbare Grünanlagen mit Blick auf die Altstadtdächer.

Schweift der Blick leicht nach rechts, wird eine stadtgeschichtliche Kuriosität sichtbar: die St.-Jürgen-Straße. Der Reihe idyllischer, hutzeliger Häuschen ist das hohe Alter anzusehen. Und sie standen schon, als die Stadt 1792 die Bebauung außerhalb der Stadtmauern freigab. Denn das Gebiet auf der Ostseite des Hafens gehörte dem Kloster zum Heiligen Geist; hier galten die Vorschriften des städtischen Rates nicht. Vor allem Kapitäne und Schiffsoffiziere kauften von ihrem Einkommen Grundstücke und ließen die kleinen Häuser bauen – mit Blick auf den Hafen. So waren die Fahrensleute informiert, welches Schiff kam und welches fuhr.

Also dann, weiter aufwärts. Unter den Stufen und hinter den Wandverkleidungen verbirgt sich eine Flensburger Spezialität: dicke Rohre und mächtige Pumpen, die heißes Wasser nach oben befördern. Als Flensburg sein Fernwärmenetz Ende der 1960er Jahre bauen wollte, kam die Frage auf: „Wie kommt das heiße Wasser für die Heizungen die Hügel hinauf?“ Die große Treppe wurde umgewühlt und in ihrem Untergrund die Technik verlegt. Es funktionierte, die komfortable Wärme kam in den östlichen Stadtteilen an. Radfahrer haben dank einer über die Stufen gelegten Rampe die Möglichkeit das Fahrrad mit auf den Hang zu nehmen, ohne es mühselig tragen zu müssen.

Nach den letzten Stufen wartet auf den Treppensteiger die große Überraschung: Die Treppe endet in einer Aussichtsplattform. Der Ausblick ist einfach traumhaft.

Die Kirchtürme von St. Nikolai (links und St. Marien(rechts) markieren das Kerngebiet der Flensburger Altstadt. Die wuchernden Büsche und Bäume lassen noch einen Blick auf den Hafen zu. Auf der anderen Seite des Tales liegt der Museumsberg mit dem markanten Bau des städtischen Museums. Direkt zu Füßen das Gelände des Zob (einst Hafen) und die die Steigung hinauf führende Rathausstraße.

Ein kleiner Kiesweg führt links von der Aussichtsplattform in ein „Mischgebiet“: Der Erlenweg weist rechts viel Gebüsch auf, links nicht gerade sonderlich schöne Zäune und Betonwände. Immer wieder hat haben Stadt und Bürger versucht, die Anwohner zum Entfernen dieser Abgrenzungen zu bewegen. Doch die verwiesen auf den Müll, der aus der Hand schlecht erzogener Passanten und der Deckung des Weges auf die Grundstücke geworfen wurde. So blieb alles, wie es ist.

Ein paar Schritte den Erlenweg entlang, öffnet sich ein Trichter. Hier geht es die Kleine-St.-Jürgen Treppe hinab. Auf den 63 Metern müssen die Muskeln beim Abstieg nur die Erdanziehungskraft abfedern. Und am Ende dann: Eintauchen in die idyllische Jürgenstraße. Wenn es Entdeckerfreude und Kondition noch hergeben, ist der Weg nach rechts, die leichte Steigung hinauf, empfohlen. An kaum einer anderen Ecke ist Flensburg so niedlich.

Wenn es denn mit dem Abstieg über die Kleine St.-Jürgen-Treppe genug sein soll: nach links gehen! Zum Zob und zur Innenstadt sind es nur wenige Schritte – ohne jede Steigung.

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