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Helfer vom Bahnhof : Übel zugerichtet von langen Märschen

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Trotz aller Routine gehen den ehrenamtlich helfenden Ärzten die Szenen am Bahnhof sehr nahe.

Flensburg | Wenn die Flüchtlinge in Flensburg am Bahnhof ankommen, können sie oft kaum mehr laufen. Ihre Füße sind übel zugerichtet von langen Märschen, ihre Beine sind durchgescheuert, und sie haben Infektionskrankheiten. Dr. Sohreh Casper behandelt einen kleinen Jungen, der seit Tagen nicht mehr aufhört zu husten.

„Wir müssen aufpassen, dass da keine Bronchitis draus wird“, erklärt die pensionierte Internistin der Familie. Die Mutter weicht nicht von der Seite ihres Sohnes. Sie sind zu zehnt aus dem Irak geflüchtet, gleich geht ihr Zug nach Neumünster. Sie wollen sich in Deutschland registrieren lassen. Casper gibt dem Jungen Amoxicillin mit, falls der Husten schlimmer wird.

Eigentlich geben Jens Vosgerau, pensionierter Allgemeinmediziner, und Casper nur ungern Antibiotikum raus, nur wenn es gar nicht anders geht. Sie müssen aber mit Schrecken feststellen, dass vor allem Ärzte aus dem Iran bei jedem Zipperlein Antibiotikum verschreiben, „eine Schande“, sagt Casper. Mit dieser Einstellung stoßen die beiden Ärzte, die sich ehrenamtlich am Bahnhof um die Flüchtlinge kümmern, bei ihren Patienten aus dem nahen Osten in der Regel auf großes Unverständnis. Diese wollen, weil sie es vermutlich nicht anders kennen, sofort ein Antibiotikum verschrieben bekommen. „Doch damit würden wir ihnen gar nicht helfen und außerdem die Resistenzen fördern“, erklärt Vosgerau. Glücklicherweise hätten die meisten aber keine schlimmen Verletzungen.

Die zehn Ärzte, die jeweils halbtags zwischen 8 Uhr morgens und 21 Uhr Schichten übernehmen, behandeln alle Patienten anonym, zehn bis fünfzehn sind es pro Tag. „Wenn jemand schnell weiter muss, ziehen wir ihn vor“, erklärt Casper – denn oft sind die ankommenden Flüchtlinge nur auf der Durchreise, und ihr Zug nach Schweden wartet schon. Auch Familien werden zusammen behandelt und nicht auseinandergerissen.

Vosgerau ist seit zwei Jahren in Rente. Die ersten ärztlichen Kontakte zu Flüchtlingen hatte er 1992 während des Balkankriegs. Seitdem engagiert er sich ehrenamtlich für Flüchtlinge aus aller Welt, gemeinsam mit Casper arbeitet er außerdem bei der „Praxis ohne Grenzen“ in Flensburg.

Besonders nahe gehen Casper jugendliche Flüchtlinge. Viele kommen alleine, haben ihre Eltern im Heimatland verloren, sind teilweise schon seit zweieinhalb Jahren auf der Flucht, denn ohne Geld kämen sie nicht weit, erzählt Casper, die im Iran geboren ist. Vorgestern hätten Polizisten in Pattburg zwei Jugendliche aus dem Zug gezogen und sie zurück nach Flensburg geschickt. Sie waren auf dem Weg zu ihrem Vater, der seit Monaten in Schweden auf sie warte. Solche Ereignisse bringen die Ärztin zum Weinen.

Auch Vosgerau lassen die Szenen, die sich am Bahnhof abspielen, trotz aller Routine nicht kalt. Immer wieder braucht auch er einen Moment für sich. Bereits vor dem Studium war es der Wunsch beider Ärzte, möglichst viele mittellose Bedürftige ärztlich zu versorgen. „Wir sind mit einem Helfersyndrom auf die Welt gekommen“, sagt Casper und lächelt.

Die Medikamente spenden Praxen aus der Umgebung. Doch oft scheitert die Behandlung daran, dass die Flüchtlinge keine Tabletten aus anderen Ländern nehmen möchten. So lehnte eine Irakerin türkische Tabletten ab.

Gerade am Bahnhof erleben die Ärzte täglich, dass ihnen Grenzen gesetzt sind. Nicht alle wollen sich helfen lassen.

 

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erstellt am 20.Sep.2015 | 09:00 Uhr

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