Umwelt in Flensburg : Twedter Feld: Eine Lunge der Stadt

Luft, Erde, Wasser – Baldur Kozdon ist in seinem Element.
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Luft, Erde, Wasser – Baldur Kozdon ist in seinem Element.

Flensburgern bietet das erste städtische Naturschutzgebiet ein Naherholungsgebiet mit 600 Großpilz- und mehr als 1300 Käferarten

shz.de von
23. Januar 2015, 10:54 Uhr

Für den Flensburger Baldur Kozdon ist das erste städtische Naturschutzgebiet Twedter Feld (seit 2003) der Erholungsort Nummer eins. In diesem malerischen Wald macht der 76-Jährige ehemalige Universitätsprofessor regelmäßig Spaziergänge und Radtouren.

Als Ausgangspunkt eines viereinhalb Kilometer langen Rundweges empfiehlt er die Bushaltestelle Osterallee/Eibenweg, bedient von den Linien 10 und 11. „Das ist ein guter Startort für die Bewohner fern liegender Stadtteile“, erklärt Kozdon.

Man durchschreite den Eibenweg zur Gänze und gelange an seinem Ende zur Osterallee. Nachher biege man links ein, um sie nach wenigen Schritten wieder zu verlassen und in die nächste Straße links einzubiegen. Dieser ungeteerte Weg ist auf dem elektronischen Stadtplan ebenfalls als Osterallee bezeichnet. Hier, in unmittelbarer Nähe des Ausbildungsstalls des Flensburger Reit- und Fahrvereins, beginnt ein Ausflug in die bunte Stadtwildnis.

Der ausgeschilderte Weg führt durch den landesweit einmaligen Sukzessionswald – natürlich entstandenen Wald. Das wurde möglich dank der Sperrung dieses entwaldeten Territoriums in der Zeit des Kalten Krieges: Von 1952 bis 1993 war es Standort einer Fernmeldeeinheit der Marine. Unter anderem war diese Einheit bei den Rettungsoperationen in der Ostsee im Einsatz, über die DDR-Bürger flüchteten.

Vier Jahre, nachdem die Bundeswehr die Gegend übergeben hatte, realisierte man dort das sozial-ökologische Wohnprojekt „Waldsiedlung Tremmerup“. Wie dieses von Autos freie Dorf heute mit Hilfe der Natur lebt, darf Jedermann erkunden: Zur Siedlung führt ein Pfad nach rechts vom Hauptweg durch ein Metalltor, das nie geschlossen ist.

Diese Gabelung sieht ein Spaziergänger genau nach dem ersten Drittel seiner Tour. Mehrere Hundert Meter davor findet er einen von drei Aussichtspunkten, die „Mühlenbekwiese“. Eine Stufe nach oben, ein Fernglas dabei – und man fühlt sich als Kapitän auf großer Fahrt, der statt des Wellenrauschens einen Rausch der Naturfarben genießen kann – mit hohen Buchen und dem Rand eines Knicks. Mit etwas Glück kann man äsende Rehe beobachten. Und im Frühjahr werden hier Schafe geboren. „Im Wald gibt es Fasane. Ich habe auch einen Fuchs gesehen“, erzählt Kozdon.

„Das ist ein beeindruckendes Ensemble von Mischwald, Tümpeln, Knicks, Heideflächen und Trockenrasen.“ Das dichte Nebeneinander erweise sich als ideales Rückzugsgebiet selten gewordener Pflanzen- und Tierarten. Neben Kuckuck, Goldammer, Trauerschnäpper, Dorngrasmücke könnten sogar Neuntöter und Sprosser beobachtet werden. „Neuntöter und Sprosser meiden Bereiche, in denen die Spuren menschlicher Eingriffe allzu auffällig sind“, betont der Naturfreund.

Bei manchen Mitbürgern helfe aber kein Bitten, nützten keine Schilder, der Natur keinen Schaden zuzufügen. „Da werden oft Hunde freilaufen gelassen. Ab und zu kommen Mopeds vorbei, was natürlich verboten ist. In der Nähe von Häusern gibt es Müll, sogar Matratzen“, bedauert Kozdon.

Nicht zu übersehen sind auch die Spuren des Orkans „Christian“, der zahlreiche Schneisen und bis heute gesperrte Pfade hinterlassen hat. Allerdings bleibt Twedter Feld ein eigenartiges Denkmal der Naturgewalt: Der Wald wird nicht aufgeräumt, denn dank der Vielzahl von Totholz-Zonen gibt es da nicht weniger als 600 Großpilzarten sowie mehr als 1300 Käferarten, darunter den sehr seltenen Moschusbock.

Der Professor spricht Spekulationen über Munition in der Erde an, da das Twedter Feld seit 1910 militärisch genutzt wurde als Standortübungsplatz. „Da gibt es noch alte Bunkersysteme. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwelche Munition noch begraben ist, ist gering, aber garantieren lässt sich das nicht“, sagt Kozdon.

Ein Stück des Rundweges führt durch die „Zivilisation“. Nach der Besichtigung des Öko-Dorfes folgt man dem Tremmerupweg stadteinwärts bis zu seiner Einmündung in die Straße Twedter Feld. Hier befindet sich die Endstation der Buslinie 7. Ein unscheinbarer Fußweg, von Buchen und Eichen umsäumt, zweigt 20 Schritte vor einem ziegelroten Vier-Etagen-Gebäude ab und führt erneut in stille Gefilde. Man erreicht eine Anhöhe über eine aus Eichenbohlen gefertigte Treppe und wendet sich nach rechts. Das Gelände besteht aus einem Sandtrockenrasen, der „äußerst empfindlich auf unbedachte Eingriffe reagiert“, sagt Kozdon. Erst vor fünf Jahren würde der Fußweg an den Rand des Rasens verlegt.

Nach der letzten Rechtswendung ist der Kreis geschlossen. „Die Luft hier ist gesünder als in der Marienhölzung, denn die Pflanzenwelt des Twedter Feldes absorbiert mehr Kohlendioxid.“

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