Flensburg : Twedt: Therapie-Fohlen im Miniformat

Therapie-Fohlen im Miniformat. Foto: Dommasch
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Therapie-Fohlen im Miniformat. Foto: Dommasch

Sechsfacher Nachwuchs von Hengst "Boss" / Lange Nächte für die Pferde-Mädchen / Erfolge mit therapeutischem Reiten

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09. Mai 2011, 12:07 Uhr

Flensburg | Uff! "Boss" hat ganze Arbeit geleistet. Nun darf sich der Deckhengst über gleich sechsfachen Nachwuchs freuen. Ebenso viele Mütter freuen sich mit. Welcher Vater könnte das schon von sich behaupten? Der zarte, flaumenweiche Pony-Nachwuchs kam zwischen dem 16. April und dem 2. Mai zur Welt. Und Sa mira, Joris, Rima, Bumble Bee und Co. sind zurzeit die Attraktion auf dem Reit- und Therapiehof Twedt.

Der Kleinste ist gerade mal 30 Zentimeter groß. Ein kuscheliger Winzling, von allen umhegt. Flummi heißt er - und macht seinem Namen alle Ehre. Er hüpft und springt auf dem satten Grün des Rasens umher, als wolle er aller Welt zeigen, wie fröhlich er inzwischen ist. Das graue Fohlen ist das "Sorgenkind" auf dem Hof. Schwere Geburt. Fieber. Es wird von einer Hundedecke gewärmt. "Ich habe es quasi in letzter Sekunde geholt", berichtet Reiterhof-Chefin Christine Petersen. Viele Kinder hatten sich zuvor als Nachtwachen zur Verfügung gestellt. Wie Rike (13), die spätabends aus dem Bett geklingelt wurde, als bei ihrem Pflegepferd "Klärchen" die Wehen einsetzten. Als um Mitternacht alles überstanden war, gab es Kindersekt. Und am nächsten Tag schulfrei. "War ja Notstand", sagt die Schülerin des Fördegymnsiums und zwinkert mit den Augen.

Die Nachtwachen schliefen in Zelten auf Heu, jede Stunde klingelte der Wecker, damit Katie, Anette, Jessica und ein Dutzend mehr kontinuierlich nach dem Rechten sehen konnten. Morgens gab es Gähnen und Augenränder, alle waren dreckig wie die Spatzen, aber glücklich. Nach der ersten Geburt haben alle geweint. Vor Rührung, versteht sich. Und vielleicht war auch ein wenig Erschöpfung dabei. "So eine Geburt mitzuerleben ist ein grandioses Erlebnis", sagt Marion Andresen, Mutter von Lisa (14). Und "Chris" Petersen lobt: "Sie war meine große seelische Stütze."

Der Reit- und Therapiehof wirkt wie eine Oase inmitten von Engelsby, ein Naturschutzgebiet schmiegt sich an das zwei Hektar große Areal. Hier können die Kleinen entlang der Felder reiten, es gibt auch extra ausgewiesene Wege im angrenzenden Wäldchen. Chris Petersen hat den Hof 2008 gepachtet; schon zuvor hatte sie den Verein "Pony Power" ins Leben gerufen. 850 Menschen waren bei der Eröffnung dabei, 20 Therapiekinder kamen auf Anhieb zu den Reitstunden auf einer Kauslunder Koppel.

Anlass der Vereinsgründung war die Geburt ihrer Tochter Janina, die behindert zur Welt kam. Deren Krankengymnastin hatte ihr geraten: "Wenn du willst, dass Janina ins Leben kommt, dann kauf ihr ein Pferd."

Mit Janina, die mit zwei Jahren noch nicht krabbeln, geschweige denn gehen konnte, ging es dank des Ponys rasant aufwärts. Selbst im Schritttempo übertragen sich die Schwingungen des Pferdes auf den kleinen Körper, das Bewegungsbild wird übernommen. "Wir haben sehr gute Erfolge durch das therapeutische Reiten erzielen können", sagt Chris Petersen. Zu ihr kommen auch Jugendliche, aggressiv, nicht beschulbar, mit Drogenproblemen. "Wenn aber die Tiere auf sie zugehen", schildert die gelernte Industriekauffrau, "werden sie sanft wie die Lämmer.

Heute gibt es 100 Pferde auf dem Hof. 65 therapiebedürftige Kinder und dazu etwa 100 Reitkinder kommen regelmäßig. Die Chefin wird nicht nur von Fachkräften unterstützt, sondern auch von ihrem Mann Lars. "Er macht beim Füttern mit - aber er kann Heu und Stroh nicht unterscheiden."

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