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Prozess in Flensburg : „Turbo-Gustav“ vor dem Amtsgericht

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kurzweilige Verhandlung um einen betagten Radler, der den Bürgersteig befuhr und der Polizei eine falsche Identität auftischte

shz.de von
erstellt am 15.Jan.2016 | 07:25 Uhr

Hat es je einen amüsanteren Prozess gegeben? Die Verhandlung gegen den emeritierten FH-Professor und allgegenwärtigen Radler Gustav Winkler bot maximalen Unterhaltungswert – und der Beklagte eine bühnenreife Vorstellung. Am Ende ging er als lachender Gewinner von dannen, nicht ohne der Richterin einen herzlichen Dank für das verhängte Urteil auszusprechen. Die Vorgeschichte wird von allen Beteiligten in verblüffender Übereinstimmung erzählt. Allein das ist atypisch für einen Prozessverlauf; doch es gibt weitere skurrile und erheiternde Aperçus.

Am 13. August 2015, einem beglückenden Sommertag, radelt der flotte Professor mit einem Freund die Fördestraße hinauf, Ziel Solitüde. Unglücklicherweise auf dem Bürgersteig. Derweil liegen in Höhe der Einmündung Twedter Mark zwei Polizisten auf der Lauer. Ihre Mission: Radfahrern einen Denkzettel oder ein Bußgeld zu verpassen, die den Radfahrweg gegenüber schnöde verschmähen. Das tun insbesondere Jugendliche, die bergab oft ein Höllentempo bevorzugen, wie Anwohner beklagen.

Gustav Winkler indes, liebevoll „Turbo-Gustav“ genannt, Liebhaber alter Dampfmaschinen und Erfinder des legendären (gleichwohl gefloppten) Gegenwindfahrrads, hat den Turbo inzwischen beiseite gepackt. So auch am Tattag, als der 75-Jährige gemächlich den Berg hinauf zuckelt – der Ordnungsmacht direkt in die Arme. Während sein Rentnerfreund („Wir sind ja schon alt“) an den vor zwei Wochen aus dem Polizeidienst ausgeschiedenen Bernhard Stitz (bekannt als Rächer der Kaffeefahrt-Geschädigten) umgehend die geforderten zehn Euro Verwarngeld entrichtet, ergeht es seinem Freund gänzlich anders. Turbo-Gustav nämlich muss sich mit Kommissar Wolfgang Hansen (57) auseinandersetzen, der den Betrag in bar anzunehmen nicht imstande ist. Als der die Personalien aufnehmen will, gibt der aus Bayern stammende Winkler („Ich hätte mich ja auch aus dem Staub machen können“) den Namen Josef Mayrhofer an, wohnhaft in der Jens-Due-Straße. Beides glatt gelogen. „Ich dachte, er lacht jetzt“, sagte der Angeklagte vor Gericht. Und gibt zu: „Eine Dummheit von mir“. Eine Dummheit, die ihn bis zu 5000 Euro hätte kosten können.

Spätestens als Bernhard Stitz (60), Zweitname Josef, ins Geschehen eingreift („Da hast du ja einen Professor erwischt!“) ist klar, dass die wahre Identität des renitenten Radlers nicht länger unter Verschluss bleiben kann: Die beiden kennen sich seit drei Jahrzehnten aus gemeinsamen umweltpolitischen Aktivitäten.

Im Prozess vor dem Amtsgericht ging es laut Bußgeldbescheid der Stadt letztlich um 100 Euro, die der Beklagte partout nicht zahlen wollte. Die Strafe, so sein persönlich gefälltes Urteil, stehe in keinem Verhältnis zum Vergehen. „Als wolle man mit einem großen Hammer auf eine kleine Fliege schlagen“, bemühte der bestens gelaunte „Turbo-Gustav“ einen Vergleich. Er habe sich sogar eine Pfändungsankündigung bieten lassen müssen, ob sich da der Amtsschimmel nicht gehörig vergaloppiert habe? „Ich lasse mich hier gern belehren. Aber es hat keinen Sinn, jetzt ein Exempel zu statuieren“, belehrte er die Richterin, die sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte.

Am Ende lässt sich Gustav Winkler zu einer Entschuldigung gegenüber Kommissar Hansen („Ich nehme an“) hinreißen. Und nachdem die Richterin die Einstellung des Verfahrens verkündet und der Professor den Saal als freier Mann verlässt, murmelt er augenzwinkernd: „Ich habe eben meinen ganzen Charme spielen lassen.“

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