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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Türmchen-Zob: Unmodern – und weg

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Modernisierungs-Rausch der 1950er Jahre ging das von Professor Otzen als Staatsbahnhof entworfene Gebäude unter.

Flensburg | Bei den Flensburger Stadtvätern von damals fand er keine Sympathie: der alte Staatsbahnhof, später Zob, mit seinen Türmchen und einer durchaus sehenswerten Architektur. Also musste er weg. Im Jahr 1955 schlugen die Bagger zu.

Früher war alles besser, mit dem Spruch sollte man eher vorsichtig umgehen – aber egal, was vorher am ZOB stand: Es war besser. Für den „Türmchen-Zob“ gilt das auf jeden Fall. Der Abbruch des alten Staatsbahnhofes, den Prof. Johannes Otzen entworfen hatte, war ein Sündenfall der Vorfahren unserer Stadtväter. Diese Fehlentscheidung findet in der Stadt kaum noch ein Pendant – allenfalls mit dem Abbruch des Rathauses zwischen Süderhofenden und Holm. Was danach kam, belegt die Modernitäts-Besoffenheit, die die ganze junge Bundesrepublik prägte.

Immer gehörte die heutige Zob-Fläche dem Verkehr. Zunächst zogen über sie die Schiffe im Hafen hinweg, bis der Sand, den die Bäche hineinspülten, und der Dreck, den die Flensburger von den Ufern aus hineinkippten, die Hafenzunge verlanden ließen. So gründlich, dass dort in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Bahnhof der „englichen Bahn“ gebaut werden konnte.

Das Mäkeln der Flensburger an der Gestaltung dieses wichtigen Punktes im Stadtbild hatte Tradition. Nach nicht einmal 30 Jahren hatten die Bürger den „Englischen Bahnhof“ satt – der einstöckige Bau (niedrig und bescheiden, mit zugiger Empfangshalle) machte aus ihrer Sicht nichts her, war nicht repräsentativ. 1882 kam er weg.

Ein neuen Bahnhof wurde gebraucht. Dafür wurde ein Architekt angeheuert, der damals gerade in Flensburg in Mode war: Professor Johannes Otzen. Seine Visitenkarte hatte er in der Stadt mit der neuen Haube für den Kirchturm von St. Nikolai abgegeben. Und weil’s so schön war, gestaltete er auch die Turmspitze von St. Marien neugotisch. Eine Verwandschaft des Turms von St. Nikolai und dem neuen Bahnhof ist zu erkennen. Otzens Pläne genehmigte das Ministerium im Juli 1883. Für den Rohbau waren 100  000 Mark veranschlagt. Schwierigkeiten bereitete, wie schon beim ersten Bahnhof, die Gründung. Das Gebäude sollte ja auf einem mit Schlamm aus dem Hafenbecken aufgefüllten Gelände entstehen, wo der feste Grund über 30 Meter tief lag und eine Pfahlgründung also nicht möglich war. Man schüttete eine etwa 20 Zentimeter hohe Sandschicht und stampfte darauf eine Betonplatte, hierauf kam ein nach unten gekehrtes Mauergewölbe. Dieses Gewölbe sollte den Druck der tragenden Gebäudeteile auf die gesamte Platte verteilen. Im Frühjahr 1884 war bereits der nördliche Flügel mit der turmartigen Kuppel gerichtet und an der reich vergoldeten Fahnenstange die Fahne gehisst. Die Ausführung zeigte: Die Flensburger waren durchaus stolz auf ihren neuen Staatsbahnhof, der am 1. Oktober 1884 eingeweiht wurde.

Doch das neue Haus beseitigte nicht den Systemfehler, den die ideale Lage im Zentrum mit sich brachte: Es gab zu wenig Platz für die notwendigen Bahnanlagen. So wurde der Beschluss gefasst, an den Mühlenteichen (an der heutigen Stelle) den neuen Bahnhof zu bauen. Das Bahnhofsgebäude in der Stadt erhielt seine neue Funktion als ZOB-Gebäude. In den 1950er Jahren war dieser Bau Sinnbild einer unmodernen Vergangenheit, die überwunden werden sollte. Deswegen wurde der Türmchen-Zob abgebrochen, es begann der Bau des gekachelten Zob. Sein Ende kam in den 1990er Jahren.

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erstellt am 23.Aug.2015 | 15:00 Uhr

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