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Flensburg-Neustadt : Türkische Männercafés – Blick hinter geschlossene Gardinen

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Das türkische Café in Flensburg gibt sich zugezogen. Doch was passiert, wenn plötzlich eine Frau hineinplatzt? Ein Besuch.

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erstellt am 06.Feb.2015 | 20:02 Uhr

Flensburg | Es ist ein eher unscheinbares Haus in der Flensburger Neustadt. Roter Backstein oben, unten mit hellen Kacheln. Die großen Fenster im Erdgeschoss sind mit rauchweißen Gardinen verschleiert. Wirklich einladend wirkt es nicht, das türkische Café „Efe“, dessen Name groß auf einem Flensburger-Pilsener-Schild steht. Wie es drinnen aussieht? Keine Ahnung. Seit Jahren fahre ich immer nur vorbei. Mein Weg zum Strand führt dort lang. Heute will ich zum ersten Mal schauen, was hinter dieser rätselhaften Fassade steckt.

Ich gehe mit einer Mischung aus naiver Neugier und mulmiger Schwellenangst auf das Café zu. Und mit einem gewissen Ärger darüber, dass mir überhaupt mulmig ist. Habe ich nicht gerade noch auf dem Südermarkt gestanden für ein buntes Flensburg?

Zumindest weiß ich, dass es nicht nur mir so geht. Bekannte, vor allem Frauen, sagten mir: „Das würde ich mich nicht trauen“ oder „Darfst du da überhaupt rein?“ Aber auch: „Mich würde schon interessieren, wie es da aussieht.“ Denn eines weiß man schon von den türkischen Männercafés: Frauen gehen da so gut wie nie rein.

Die Männer in den Rommée-Runden blicken auf, die Spiele und Gespräche pausieren kurz, als ich eintrete. Die eckigen Tische mit den grauen Samtdecken sind gut besetzt. Rauch steht in der Luft. Grauhaarige Männer sitzen beim Kartenspiel, in schwarzen Jacken und zwei Gruppen. Ein Alleinsitzender war bisher vertieft in die Tageszeitung „Hürriyet“.

Wäre dies ein Saloon in einem Western, hätte jetzt vielleicht die Musik aufgehört zu spielen. Doch der Fernseher, der unter der Decke hängt, dudelt weiter TRT mit einem Musikprogramm. Ich wähle einen Tisch am Rande. Ein Kellner kommt und ich bestelle einen Tee. Die Herren nehmen ihr Kartenspiel wieder auf. Der allein sitzende, ältere Mann legt alsbald seine „Hürriyet“ zur Seite, schließt die Augen und döst ein wenig. Das Caféleben geht weiter und ich wärme mir die Hände am Teegläschen, das der Kellner auf einem kleinen Tellerchen mit abgeschabtem rot-goldenem Muster bringt. Der Tee kühlt etwas ab und irgendwann hört das Gefühl auf, hier nicht willkommen zu sein.

Es ist gar nicht mal das Fremde, das mich so sehr hat zögern lassen. Bei Türkeiurlauben hatte ich nie Scheu davor, in Cafés zu gehen. Ich war in Moscheen, auf Basaren und in einem Park mit Bosporusblick, wo Männer ihr Feierabendbier der Marke „Efes“ leeren. Es war vielmehr das Verschlossene und der Eindruck, man würde dort irgendwie stören. Aber vielleicht ist die deutsche Skepsis nicht weniger merkwürdig als die Gaststätte selbst. So thematisieren auch mehrere Artikel im Internet dieses Unbekannte, diese zugezogenen Gardinen. Und dass offenbar um viel Geld gezockt werde in türkischen Männercafés.

„Wir spielen hier um Getränke“, sagt mir später ein Stammgast mit schwarzer Jacke und schwarzer Mütze. Die meisten Gäste haben Tee oder Kaffee bestellt, doch es gibt auch Bier oder Whisky. Der Stammgast ist in Flensburg aufgewachsen, jetzt Mitte 40 und hilft gern anderen, die Sprachprobleme haben. Der Wirt, sein Kindergartenkumpel, möchte eigentlich gar nicht mit mir reden. Das kommt häufiger vor, wenn die Presse irgendwo reinplatzt. Und wie so häufig reden wir dann aber doch. Nur ihre Namen wollen die Männer nicht in der Zeitung lesen.

 „Hier ist jeder willkommen und wird freundlich bedient“, sagt der Wirt. Aber auch: „Wir wollen lieber unter uns bleiben.“ Die türkischen Frauen würden sich in der Moschee treffen oder Zuhause. Wenn sich aber doch eine Frau in das Café verirrt, werde sie nett behandelt und nicht angestarrt - „aus Respekt.“

Der Stammgast, der Wirt und ich haben uns in eine Ecke des Cafés zurückgezogen und in Nullkommanix landet das Gespräch bei den Themen Politik und Religion. Ein Dritter kommt hinzu und sagt, er fühle sich von Regierung und Medien nicht vertreten und erläutert einige Verschwörungstheorien, die ich so ähnlich schon von Pegida-Sympathisanten kenne.  

„Ich hasse das Flensburger Tageblatt“, sagt der Wirt plötzlich. Die Berichte seien islamfeindlich. Besonders habe ihn die Geschichte über einen Drogendealer und Zuhälter von schräg gegenüber gestört. Ein türkischstämmiger Flensburger, der im Bericht „Der Neustadt-König“ genannt wurde, so als ob er „der Pate“ in einem kriminellen Viertel sei. „In der Neustadt gibt es wenig Verbrechen und wenn was passiert, rufen wir die Polizei“, sagt er. Die Medien würden Islamisten mit dem Islam gleichsetzen, bei Attentaten von Christen aber keinen analogen Schluss ziehen. „Breivik war in den Medien ein Verrückter“, sagt er. Genauso der NSU, fügt der Dritte hinzu. „Antisemitismus ist strafbar in Deutschland, aber nicht Islamophobie“, beschwert sich der Stammgast. Tatsächlich ist einer der Sätze, die mir am unangenehmsten im Gedächtnis geblieben sind: „Euer Chef - ist der Jude?“

Die drei Männer versuchen zu erklären, was sie an den Mohammed-Karikaturen in Charlie Hebdo und Jyllands Posten gestört hat. „Das war eine gezielte Provokation“, sagt der ältere Dritte. „Das ist so als würde jemand sagen: ,Ich ficke deine Mutter’.“

Es gibt viel zu diskutieren. Die drei Männer und ich sprechen noch einen weiteren Tee lang. Eine gemeinsame Antwort finden wir nicht überall. Aber wir haben schon einmal gemeinsame Fragen.

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