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Problem-Plattform in Flensburg : Trinker-Szene am Südermarkt: „Man kann sie ja nicht vertreiben“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Immer wieder gibt es Ärger mit der Problem-Plattform am Südermarkt. Morgen ab 17 Uhr gibt es eine öffentliche Podiumsdiskussion im Rathaus

Flensburg | Er lehnt an einem Stehtisch neben dem Südermarkt-Kiosk, Rucksack auf dem Rücken, die Flasche in der Hand. Hat vier Plastiktaschen und einen Aktenkoffer um sich drappiert. Ausgetretene Turnschuhe an den Füßen, zwei Kapuzen auf dem Kopf. So murmelt er vor sich hin, schnorrt erfolgreich eine Zigarette und trinkt noch einen Schluck. Dieser Mann gehört zur harmlosen Sorte derjenigen, die sich zunehmend rund um die Plattform ausbreiten.

Es gibt andere, die pinkeln gern mal am helllichten Tag an die Kirchenmauern oder Marktstände, pöbeln Passanten an, streiten lautstark miteinander, sprechen von früh bis spät dem Alkohol zu oder konsumieren andere Drogen. Zum Ärger von Handel und Gastronomie, von Anwohnern und dem Kirchengemeinderat. Dessen Vorsitzender Volker Willandsen erzählt haarsträubende Geschichten. „Gottesdienstbesucher, besonders ältere, trauen sich gar nicht mehr, an der Gruppe der Trinker vorbeizugehen“, sagt er.

„Es gibt auch genug Menschen, die in der offenen Kirche Momente der Ruhe, Besinnung und des Gebets suchen.“ Doch selbst vor dem Gotteshaus macht die ungeliebte Klientel nicht halt. Bisweilen lässt sich jemand einschließen und nächtigt dort, entzündet Kerzen, verrichtet seine Notdurft. „Kot in der Kirche – und die Stadt geht auf Tauchstation“, schimpft Willandsen.

Es gibt weitere Erlebnisberichte, die in der Tat beunruhigend sind. So seien Kinder unflätig angegangen und Spritzbestecke gefunden worden. Es werde aggressiv gebettelt. Hunde lasse man rund um die Kirche ungeniert ihr Geschäft machen. Die Toilette unter der Plattform werde oft blockiert von jenen, die Flüssigkeit in großen Mengen zu sich nehmen und das Örtchen entsprechend frequentieren.

Eine Arzthelferin einer umliegenden Praxis sei an dem kleinen Gang an der Nordseite der Nikolaikirche auf dem Weg zu ihrem Wagen übel beschimpft worden. „Die Grenze des Zumutbaren ist längst erreicht“, sagt eine Gewerbetreibende, die fürchtet, ihre Kundschaft zu verlieren.

Hintergrund: Der Südermarkt und das Ringen ums Erscheinungsbild

Die Ideengeschichte der Südermarkt-Umgestaltung ist fast so alt wie der Platz selbst. Nach dem Abriss der Kattsund-Bebauung und der Errichtung des Kiosk- und Toilettengebäudes mit Aufenthaltsplattform in den 70er Jahren hat es immer wieder Anläufe einer grundlegenden Neugestaltung gegeben.

Das Haus mit dem Treppengiebel (l.) schloss die westliche Häuserzeile des Kattsund zum Südermarkt hin ab.

Das Haus mit dem Treppengiebel (l.) schloss die westliche Häuserzeile des Kattsund zum Südermarkt hin ab.

Foto:Archiv

 

Einen neuen Versuch könnte es geben, wenn der Südermarkt Teil des Sanierungsgebiets Westliche Altstadt wird, das vom Deutschen Haus bis zur Toosbüystraße/Neue Straße reicht und für das es Fördermittel in erheblichem Umfang gibt. Das könnte noch in diesem Jahr der Fall sein. Derzeit laufen noch die „Vorbereitenden Untersuchungen“.

In der offiziellen Lesart der Stadtverwaltung gibt es am Südermarkt „erhebliche Defizite in der Gestaltung öffentlicher Freiräume“. Es geht um die Kiosk- und WC-Plattform, um das „Hochbeet“ vor dem Gemeindehaus St. Nikolai, um den starken Busverkehr und um die Randbereiche in den vom Markt abgehenden Straßen und Gassen.

Um die Aufenthaltsqualität am Südermarkt zu erhöhen, wird seit einigen Jahren über eine Verlagerung des Busverkehrs nachgedacht – zum Beispiel an den Neumarkt weiter im Süden. Der Südermarkt wäre bis zur Roten Straße und zur Dr.-Todsen-Straße ein durchgehender Platz.

2014 brachte die FDP den Südermarkt wieder einmal in die Diskussion, indem sie eine gastronomische Nutzung für die ungeliebte Plattform vorschlug – nicht zuletzt, um die „Straßenszene“, die die Plattform „zum Trinken und zum dauerhaften Aufenthalt“ nutze, dort wegzubekommen. Die Reaktion der anderen Parteien im Umwelt- und Planungsausschuss ging seinerzeit weit über das Ziel der FDP hinaus. Der Tenor war: Weg mit dem Ding.

Die Plattform: Sie ist immer wieder Ziel kritischer Äußerungen zum Südermarkt, aber mittlerweile Teil des Stadtbilds.

Die Plattform: Sie ist immer wieder Ziel kritischer Äußerungen zum Südermarkt, aber mittlerweile Teil des Stadtbilds.

Foto:Gunnar Dommasch

 

Einen konkreten Vorstoß gab es zuletzt 2013, als die Stadtplanerin Claudia Takla-Zehrfeld Ideen zur Verbesserung der Randbereiche vorstellte. Dabei ging es vor allem um die bessere Anbindung der unteren Friesischen Straße, deren Oberfläche bis heute in einem miserablen Zustand ist. Doch auch diese Initiative verlief im Sande, nichts wurde umgesetzt. Nach wie vor verbinden sich Kopfsteinpflaster und Asphalt-Flickwerk zu einem uneinheitlichen Ganzen.

Im jüngsten Förderprogramm „Städtebaulicher Denkmalschutz“ ist der Südermarkt bisher noch nicht mit konkreten Maßnahmen aufgetaucht. In jedem Fall soll der Bürger intensiv beteiligt werden.

 

St. Nikolai ist ein Anlaufpunkt für viele Besucher der Stadt. Willandsen warnt: „Für Flensburg steht viel auf dem Spiel!“ Es bestehe die Gefahr, dass umliegende Läden nicht länger bestehen, Mieter das Viertel verlassen könnten. Fast wäre dies auch schon dem künftigen Pastor Marcus Friedrich widerfahren, bevor er überhaupt seinen Dienst (im September) angetreten hat. Nach-Tageblatt-Informationen war erwogen worden, ihn von der Residenzpflicht zu befreien, damit er in ein ruhigeres Wohnquartier ziehen könne.

Hintergrund: Nach der Besichtigung des Pastorats sei seine Familie über eine hilflos auf dem Boden liegende Person gestolpert. Der Blick auf die Treppe an der Plattform und ein dort laut grölendes Dutzend tat ein Übriges. Doch der Gedanke sei schließlich verworfen worden. „Es kann doch nicht angehen“, so Willandsen, „dass der Pastor flüchten muss, nur weil man einer Randgruppe keine Grenzen setzt!“

„Uns stören sie nicht“, sagt Viola Ehrenberg, die mit ihrem Mann seit 14 Jahren den Kiosk am Südermarkt betreibt. Die Straßenszene bestehe nicht aus Obdachlosen, hat sie beobachtet. Fast alle hätten ein Dach über dem Kopf. „Sie kommen und gehen, hauen sich auf die Birne und vertragen sich wieder.“ Sie selbst profitiere kaum von dem ausgeprägten Trinkbedürfnis. „Die versorgen sich reichlich im Supermarkt.“ Und eine Bäckereifachverkäuferin ergänzt. „Wir haben kaum was mit ihnen zu tun. Aber manchmal wird es sehr laut. Das nervt!“ Viola Ehrenberg findet: „Man kann sie ja nicht vertreiben.“ Eine Lösung haben sie nicht.

Die könnte am Mittwoch im Rathaus gefunden werden. Bei der Diskussionsveranstaltung soll deutlich werden, „wie die unterschiedlichen Perspektiven aussehen, welche Maßnahmen bereits bestehen und welche zusätzlich oder auch alternativ gefordert werden“, so Gert Koll, Leiter der städtischen Fachstelle für Wohnhilfen und Initiator der Veranstaltung. Volker Willandsen hat da was in petto. „Wir brauchen einen Ordnungsdienst, der sich nicht nur um Falschparker kümmert. Den Kopf in den Sand zu stecken, nützt uns gar nichts.“

Diskussion: Wem gehört die Straße?
Bei der Stadtverwaltung kommen verstärkt Beschwerden über Probleme mit Personen an, die mit Alkohol- und auch Drogenkonsum sowie unangepasstem Verhalten im öffentlichen Raum auffallen. Mitglieder der so genannten Straßenszene sind derzeit insbesondere in der Neustadt, auf dem Südermarkt und in der Südstadt wahrzunehmen. Deshalb lädt die Stadt am Mittwoch von 17 bis 19.30 Uhr alle Interessierten zur Informations- und Diskussionsveranstaltung in die Bürgerhalle des Rathauses ein.
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erstellt am 04.Apr.2017 | 06:27 Uhr

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