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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Trauriges Ende für die kleine Bahn

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

1953 wurde die Schmalspurstrecke Flensburg-Kappeln stillgelegt. Gegen die Konkurrenz des Autos hatte sie keine Chance.

shz.de von
erstellt am 18.Aug.2015 | 14:30 Uhr

Flensburg | Nein, sie war nicht mehr zu retten – die kleine Bahn zwischen Flensburg und Kappeln. Jahrzehntelang hatte sie den Raum Angeln an das Verkehrsnetz angeschlossen, hatte zuverlässig Menschen und Waren transportiert. Doch nun wurde sie von der neuen Zeit bedrängt. Das Auto machte der Bimmelbahn Konkurrenz, der sie sich nicht mehr erwehren konnte. Und so war 1953 Schluss – der Betrieb wurde eingestellt.

Es waren nicht nur Personen- und Lastwagen, die der kleinen Eisenbahn zu nahe kamen. Ihre Trasse wurde gebraucht. Wären erst die Gleise weg, könnte eine neue Straße gebaut werden. Die war auch schon in der Planung – und von ihr wurde ein neuer Schub wirtschaftlicher Entwicklung erwartet: die Nordstraße. Die Planungen sahen eine Linienführung vor, die in großen Teilen der Kleinbahn entsprach.

Die Schmalspurbahn, 1886 auf ganzer Länge in Betrieb genommen, war ein Erfolgsmodell. Ihr Prinzip war strikte Sparsamkeit. So entschied sich der Kreis für die schmale Spur (1000 mm), die weniger Platz brauchte als die Normalspur (1435 mm). Konsequent wurden bei der Linienführung in den Dörfern die vorhandenen Gasthöfe angesteuert. Die wurden damit zu Bahnhöfen, die Gastwirte zu nebenamtlichen Bahnhofsvorstehern. Das sparte den Bau neuer Gebäude und die Einstellung zusätzlichen Personals.

Die Hoffnung auf eine gute Auslastung der Bahn erfüllte sich schneller als erwartet. Die Idee, den Angeliter Landwirten eine gute Absatzmöglichkeit für ihre Waren zu bieten, war ein Erfolg. Und so kam der Gedanke auf, einem weiteren Teil der Landschaft Angeln eine gute Verbindung zu bieten. So entstand die Südstrecke über Tastrup, Hürup, Satrup, Sterup – Einweihung 1902. In Rundhof fädelte die Südtrasse wieder in die Nordstrecke ein und erreichte damit Kappeln.

Im Bemühen, die Kosten zu senken, nahm die Geschäftsführung ihre klassischen Züge ins Visier. Um den Fahrgästen eine zügige, möglichst bequeme Fahrt zu bieten, entschied sich die Leitung im September 1924 für die Anschaffung der ersten beiden Benzintriebwagen, die ein Jahr später geliefert wurden. Damit wollte die Geschäftsführung auch die an sie gerichtete Forderung nach der Einrichtung von Buslinien in Angeln abwehren. Mit den Triebwagen war die Steigerung des Tempos von 30 auf 60 km/h möglich und der Gütertransport war nun Sache der Dampfzüge, so dass auf den Unterwegsbahnhöfen für Personenzüge die Pausen zum Rangieren entfielen. Doch es nützte alles nichts: Der Kreis war nicht bereit, die hohen Zuschüsse zu tragen. So traf es zuerst die Südstrecke. Am 31. Dezember 1936 wurde der Betrieb eingestellt – eine Fehlentscheidung, die Bevölkerung verlangte nach der Bahn. Ein halbes Jahr später rollten die Züge wieder, bis zum 31. Oktober 1938. Dann war auf der Strecke über Satrup endgültig Schluss.

Der Rest der Kleinbahn erlebte im Zweiten Weltkrieg und danach eine große Zeit. Vor allem die Hamsterfahrten ließen die Fahrgastzahlen in die Höhe schießen.

Doch danach brach sich die Konkurrenz des Autos endgültig Bahn. Und für die Nordstraße sollte Platz geschaffen werden. Damit hatte die kleine Bahn ausgedient. Die letzte Fahrt fand in der Nacht vom 31. März zum 1. April 1953 statt. In einem Zeitungsbericht heißt es über die Tour, die nur noch von Flensburg bis Langballig ging (dahinter war die Strecke bereits stillgelegt):

„In Langballig hebt ein Volksfest an. Während einige Eisenbahner ihren Zug in die andere Richtung rangieren, wird in der Bahnhofswirtschaft geschunkelt, getanzt und gesungen. Angler Muck wird gratis ausgeschenkt, und ansehnliche Knackwürste stehen denen zur Verfügung, die sich auf der Hinfahrt schon hungrig gesungen haben. Der 1. April ist angebrochen. Um 0.  50 Uhr ruft der Schaffner zur Rückfahrt. Aber es dauert eine ganze Weile, bis er mit unendlicher Geduld und reizender Fürsorge alle seine Schäfchen beisammen hat. Dann geht’s los. Im ersten Anhänger wird getanzt. Immer nach dem Motto ’dat Dings kann heute kaputtgehen’! In den anderen Wagen ist es etwas ruhiger geworden. Einige haben sich auf stille Eckplätze zurückgezogen und blicken aus dem Fenster. Draußen liegt mondbeschienen das Angelner Land. Gleichmäßig heben und senken sich die Telefondrähte... Langsam schleppt sich die Bahn den Weeser Berg hinauf. Mancher denkt vielleicht an den Pappdeckel, auf den die Rüder der Kleinbahn einen Nachruf geschrieben haben: ’Ein Stück Angler Romantik geht vorbei.’ Und dieses Vorbei wird noch einige Tage in unsichtbaren Buchstaben über den leeren Gleisen schweben, ehe der Fortschritt die letzten sichtbaren Spuren der Kreisbahn-Epoche auslöscht. Am 1. April, 90 Minuten nach Mitternacht. Auf dem Kreisbahnhof in Flensburg wird es noch einmal lebendig, aber die Räder der Kleinbahn stehen für immer still.“

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