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Hohe Zahl an Gestrandeten : Transitbahnhof Flensburg: 492 Flüchtlinge in einer Nacht

vom

In der Nacht zum Sonntag mussten knapp 500 Flüchtlinge in Flensburg übernachten. Sie wollen weiter nach Skandinavien.

Es ist kurz vor 21 Uhr am Samstagabend: Für den Leitungsdienst der Flensburger Berufsfeuerwehr beginnt der ernste Teil der Nachtbereitschaft am Bahnhof. Einsatzleiter Carsten Herzog verschafft sich am Stand der Flüchtlingshilfe einen ersten Eindruck über die Zahl der gestrandeten Flüchtlinge, die für die Nacht untergebracht werden müssen.

Einsatzkräfte des Malteser Hilfsdienst kochen bis in die späten Abendstunden an der Feldküche am Bahnhofsvorplatz warme Speisen für die Essenausgabe am Bahnhof.

Im Bahnhof herrscht am Abend seit über zehn Wochen das gleiche Bild, Züge enden in Flensburg, es gibt eine Vielzahl von reisenden Flüchtlingen, die zunächst warten müssen. Die dänische Staatsbahn fährt erst wieder am nächsten Morgen mit dem Frühzug den Grenzbahnhof Flensburg an, auch der Schienenersatzverkehr mit dänischen Bussen wird erst wieder am Sonntagmorgen aufgenommen.

Den Flüchtlingen werden Speisen und Getränke gereicht, Dolmetscher eilen durch die Hallen und Gänge. Gegen 21.30 Uhr fährt Helge Jörs, Mitarbeiter der Aktivbus GmbH Flensburg, mit einem Großraumgelenkbus am Bahnhof vor. Erste Gruppen werden von Freiwilligen der Flüchtlingshilfe und Hauptamtlichen Kräften der Stadt Flensburg geordnet zum Bus begleitet.

Rund 125 Menschen, darunter viele Frauen mit Kleinkindern, aber auch Familien werden auf dieser ersten Shuttlefahrt zur Turnhalle der Realschule West gebracht. Dort können sich die Reisenden von den Strapazen ausruhen. Seit Anfang September lösen sich Jörs und der Fahrdienstleister der Aktivbus mit den nächtlichen Flüchtlingsfahrten im Freiwilligen Dienst ab.

„Die Absprache mit Bundespolizei und der Deutschen Bahn klappt“, sagt Carsten Herzog. An diesem Abend werden noch 300 weitere Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Asylsuchende aus Afghanistan, aber auch Migranten aus Eritrea und weiteren Krisengebieten im Zug nach Norden angekündigt. Gegen 22.30 Uhr ist der Bahnhof mit ankommenden Reisenden überfüllt. Sofort reagiert Herzog, der Shuttlebus wird erneut geordert.

Auffallend viele Kleinkinder und Säuglinge von Flüchtlingsfamilien aus Syrien kamen mit diesem weiteren Zug in Flensburg an. Beim Einsteigen in den Bus zur Turnhalle kommt es zu einem Streit um einen Sitzplatz zwischen Flüchtlingen. Er endet in einer Prügelei. Einsatzkräfte der Bundespolizei schreiten ein, auch Mitarbeiter der DB Bahnsicherheit versuchen deeskalierend einzugreifen. Die Streithähne werden in sicherer Entfernung im Bus platziert.

Insgesamt zählt Herzog knapp 500 Hilfesuchende, die in dieser Nacht bei sechs Grad Außentemperaturen in gesicherten und geheizten Räumlichkeiten untergebracht werden müssen. Für eine Handvoll ehrenamtlicher und hauptamtlicher Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes beginnt die Betreuung der gestrandeten Menschen in den Nachtquartieren der Realschule Flensburg West. Mehrere Turnhallen der Hannah-Ahrendt-Schule sind seit Wochen für die humanitäre Hilfssituation mit hunderten Feldbetten belegt. Ethnische Gruppen, aber auch Familien sowie Männer und Frauen werden in voneinander getrennten Bereichen der Turnhalle untergebracht.

„Für viele der Flüchtlinge ist es seit Tagen oder auch Wochen, die erste Gelegenheit sich in den sanitären Einrichtungen der Sportstätte richtig zu waschen oder eine heiße Dusche zu benutzen“, sagt Herzog.

Trotz der 492 untergebrachten Personen bleibt es in den vielen Räumen der Schulturnhalle relativ ruhig. Einige telefonieren mit Angehörigen, ein Baby muss in der Nacht vom Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht werden. Es hat durch die Strapazen der wochenlangen Flucht durch Europa hohes Fieber. Notärzte kümmern sich um das Baby.

Am Sonntagmorgen steht der erste Bus um kurz nach 7 Uhr zur Abholung bereit. Die Weiterfahrt nach Norden kann beginnen. Alle Flüchtlinge sind sehr unsicher und hoffen, dass sie - teilweise ohne Ausweispapiere - in Schweden und Norwegen Asyl beantragen können. Wieder staartet eine Zugfahrt ins Ungewisse vom Transitbahnhof in Flensburg. „Eben der ganz normale Wahnsinn seit zehn Wochen“, sagt ein Helfer der Flüchtlingshilfe am Sonntagmorgen bei der Ankunft der ersten Reisenden am Bahnhof.

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erstellt am 15.Nov.2015 | 14:43 Uhr

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