Nach der Messertat in Flensburg : Totschlag an der Exe: „Sie war ein verwundbares Mädchen“

„Du bleibst in meinem Herzen.“ Rosen und Grablichter vor der Tür des Tatorts an der Straße Zur Exe.
„Du bleibst in meinem Herzen.“ Rosen und Grablichter vor der Tür des Tatorts an der Straße Zur Exe.

Bei der Spurensuche nach den Hintergründen der Tat stößt man auf Schweigen, das viele Fragen aufwirft.

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16. März 2018, 06:57 Uhr

Flensburg | Hat man etwas übersehen, etwas verdrängt? Eine Frage, die viele Menschen bewegt – weit über Flensburg hinaus. Hätte der gewaltsame Tod von Mireille B. verhindert werden können? Gab es Versäumnisse seitens des Jugendamts? Hätten Nachbarn reagieren müssen? „Die Wände hier sind wie Pappe“, hatte ein Mieter zu Protokoll gegeben. Er hatte die Schreie gehört, als die 17-Jährige am Montag erstochen wurde. A., der 2015 als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland gekommen war, sitzt seitdem als dringend tatverdächtig in U-Haft.

Viele Fragen stehen im Raum. Seriöse Antworten zu finden, um den Hintergrund der Tat auszuleuchten, gestaltet sich schwierig. Behörden und andere Beteiligte halten sich bedeckt. Der Selbsthilfe-Bauverein, der die Wohnung vermietet hat, in der das Opfer starb, ist gehalten, keine Auskünfte zu geben. Die Polizei hüllt sich ihrerseits in Schweigen, verweist auf die Staatsanwaltschaft. Von dort fließen die nötigsten Informationen, um die Ermittlungsarbeit nicht zu gefährden. Die Stadt schließlich gibt zum Fall selbst keine Auskunft, weil Persönlichkeitsrechte berührt werden.

„Schutzlos und verwundbar“

Eine Flensburgerin, die das Mädchen gut kannte, bringt die zentrale Frage auf den Punkt: „Wie kann man nur eine derart instabile Person mit psychischen Problemen in eine eigene Wohnung setzen?“ Die ältere Dame beschreibt Mireille als „schutzlos und verwundbar“. Man hätte die Jugendliche, davon ist sie überzeugt, niemals allein lassen dürfen.

Dennoch ist es geschehen. Am 1. Oktober 2016 zog die damals maximal 16-Jährige in eine Wohnung an der Exe. Die 40 Quadratmeter waren von einer Jugendhilfeeinrichtung angemietet worden, auf deren Homepage es heißt, Mädchen hätten oft den Wunsch, in eine eigene Wohnung zu ziehen und in die Hilfeform des Betreuten Wohnens zu wechseln.

Auch 18-Jähriger in Obhut des Jugendamtes

„Dies ist nach Absprache mit den Eltern und dem Jugendamt meist auch möglich.“ Verwaltungssprecher Clemens Teschendorf bestätigte, dass derlei Maßnahmen immer sorgsam abgestimmt seien. Niemand werde gezwungen, allein in eine Wohnung zu ziehen. Nach dem Auszug aus einer Einrichtung erfolge eine engmaschige Betreuung. Er bestätigte, dass sich auch der Tatverdächtige in der Obhut des Jugendamtes befunden habe. Trotz Volljährigkeit sei eine Weiterführung der Hilfe bewilligt worden. „Ein wichtiger Teil der Integration.“ Fest steht aber auch, dass ein Heimplatz das Vielfache einer ambulanten Betreuung kostet.

Beide Seiten sollen auf ein Leben in der Gesellschaft vorbereitet werden – flankiert von regelmäßigen Besuchen und Telefonaten. Alle sechs Monate findet eine Hilfeplankonferenz mit allen Beteiligten statt. Dem Vernehmen nach hat es im vorliegenden Fall darüber hinausgehende Gespräche mit dem Paar gegeben. Dass dabei auch die Strafanzeigen zur Sprache gekommen sind, die das Mädchen bei der Polizei stellte, ist anzunehmen. Die Tatsache, dass sie mindestens eine davon wieder zurückzog, sowie Zeugenaussagen legen die Vermutung nahe, dass die Partnerschaft von extremen Höhen und Tiefen geprägt war. Vieles spricht für eine Beziehungstat. Liebe, Eifersucht, Trennung haben allerdings unterschiedliche Gesichter, auch kulturell bedingt.

Schlüsse sollte man erst ziehen, wenn das Ermittlungsergebnis vorliegt. Das sagt eine Frau, die an vorderster Front stand, als 2015 die Flüchtlinge am Bahnhof strandeten – Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange. Das tödliche Drama erlebe sie als „furchtbar. Es lähmt uns. Aber es wird uns weiter beschäftigen – und das muss es auch“!

In der Landespolitik wird die Tragödie als politisch hochbrisant eingestuft. Innenminister Hans-Joachim Grote stellte Maßnahmen bis hin zur Abschiebung im Falle einer Verurteilung in den Raum. „Wer solche Straftaten begeht, der hat sein Gastrecht verwirkt.“

Die Stunde der Populisten – Zur  Messertat von Flensburg

Ein Kommentar von Carlo Jolly, Leiter der Flensburger Lokalredaktion

Hat Flensburg jetzt ein  Problem? Oder ist die Stadt im Herzen der deutsch-dänischen Vorzeigeregion, wo Minderheitenschutz zum guten Ton gehört, nun in der harten Realität angekommen? Es war im Herbst 2015, als Flensburgs Bahnhof ein Synonym edler Hilfe wurde – mit Wasser, Wollpullis und Transit-Betten. 50.000 Flüchtlinge strandeten hier – unterwegs ins Land der humanistischen Weltmacht Schweden.

Und heute? Hat sich die humanistische Weltmacht längst selbst entzaubert, Zehntausende sind zurückgekehrt – und einer, der damals am Bahnhof ankam, ist jetzt offenbar zum Täter geworden.

Angesichts der mutmaßlichen Flensburger Beziehungstat gerät die Ursachenforschung zum Rätselraten. Oberbürgermeisterin Simone Lange, damals selbst Bahnhofsaktivistin, verweist auf gekürzte Integrationspauschalen. Das Drama von Flensburg wird mit solchen Hinweisen kaum erklärbar sein. Jenseits des straffällig gewordenen abgelehnten Asylbewerbers, dem nach dem Verfahren zu Recht die  Abschiebung droht, schlägt jetzt die Stunde der Populisten. Das hilft weder der Familie des Opfers noch verängstigten Bürgern – und auch nicht den Flüchtlingen des Herbstes 2015, von denen viele um ihre Integrationschance kämpfen. 

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