VHS-Prüfung in Flensburg : Toilettengang mit Folgen: Deutsch-Test muss wiederholt werden

Die Teilnehmer eines Deutsch-Kurses fühlen sich verschaukelt. Sie müssen die Prozedur der Prüfung „aus formalen“ Gründen noch einmal durchlaufen.
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Die Teilnehmer eines Deutsch-Kurses fühlen sich verschaukelt. Sie müssen die Prozedur der Prüfung „aus formalen“ Gründen noch einmal durchlaufen.

Eine VHS-Prüfung für Zuwanderer wird nicht anerkannt, weil beim ersten Termin vor zwei Monaten für kurze Zeit nur eine Aufsicht im Raum war.

shz.de von
17. Juli 2015, 14:00 Uhr

Flensburg | Zittern, Bangen, Bauchweh. Die junge Mutter aus Afghanistan war sehr aufgeregt. Am 9. Mai dieses Jahres sollte sich für sie das intensive Studium einer neuen Sprache endlich auszahlen. Die Prüfung in den Räumen der Volkshochschule Flensburg stand bevor. Und mit dem erfolgreich absolvierten Test für Zuwanderer (kurz DTZ) hätte die Frau das ersehnte „Zertifikat Integrationskurs“ in den Händen gehalten. Zu dieser Sprachprüfung kann man verpflichtet werden, sie ist für Menschen mit Migrationshintergrund nahezu unerlässlich – etwa dann, wenn es darum geht, einen Arbeitsplatz zu finden oder den Erfordernissen eines Einbürgerungsverfahrens gerecht zu werden.

Doch alle Aufregung war umsonst. Zwei Monate später hielten alle Teilnehmer ein Schreiben des VHS-Landesverbandes (Kiel) in der Hand, das sie völlig unvorbereitet traf. Es handelte sich keineswegs um die Ergebnisse des Tests. Es kam viel schlimmer: Die schriftliche Prüfung, hieß es lapidar, müsse wiederholt werden. Eine Begründung wurde nicht genannt.

Als Heidelore Langwagen von dem Vorfall hörte, war sie entsetzt. Sie arbeitet bei der Flüchtlingshilfe Harrislee, betreut dort Kinder, die Deutsch lernen – auch die der afghanischen Frau, die unter den gegebenen Umständen lieber darauf verzichten will, ihren Namen zu nennen. „Ich finde dieses Vorgehen skandalös“, sagt Heidelore Langwagen. Die Flüchtlingshelfer fühlen sich vor den Kopf gestoßen, genauso wie die Menschen, um die sie sich kümmern. „Die haben ohnehin schon genug Probleme, sich hier zurechtzufinden“, sagt sie, „doch das ist eine Zumutung, wir haben dafür kein Verständnis.“

Was spielte sich ab an jenem 9. Mai? Nach Informationen unserer Zeitung habe während des Tests eine Frau auf die Toilette gemusst, sie sei dabei von einer Prüferin begleitet worden. Nach wenigen Minuten sei sie zurückgekehrt und der Test nach 100 Minuten abgeschlossen worden.

Die Vorgaben des vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge beauftragten Testinstituts „telc language tests“ besagen jedoch, dass ständig zwei Aufsichtspersonen im Raum präsent sein müssen. Die VHS stellt die Aufsicht für die schriftliche und die Prüfer für die mündliche Prüfung – davon eine externe Aufsichtsperson und einen externen Prüfer.

Anfang dieses Monats dann die offenbar unvermeidliche Mitteilung: Der gesamte Test werde „aus formalen Gründen“ nicht anerkannt, der schriftliche Teil müsse wiederholt werden: Freitag, der 17. Juli, wurde als neuer Termin anberaumt. Zwei Wochen Zeit also, um sich erneut vorzubereiten. Wer verhindert sei, so wurde klargestellt, müsse nicht nur den schriftlichen, sondern auch gleich den mündlichen Part wiederholen. Erscheinen: 15 Minuten vor Beginn, Ausweis und Bleistift seien mitzubringen. „Wir wünschen viel Erfolg.“

Der VHS-Landesverband hält sich auf Nachfrage bedeckt. „Wir bedauern, dass die Prüfung wiederholt werden muss“, man müsse sich an die Vorgaben des Bundesamtes halten“, heißt es aus Kiel. „Im Interesse aller Beteiligten“ könne man keine Stellungnahme zu dem Fall abgeben. „Das weitere Verfahren können wir nur mit den betroffenen Teilnehmenden selbst kommunizieren.“

Keine Angaben also zu den drängendsten Fragen: Wie kann es angehen, dass die Aufsicht durch ihr Verhalten eine ganze Gruppe von Migranten um die Früchte ihrer Arbeit bringt? Sind die Mitarbeiter nicht ausreichend instruiert worden?

Aus dem Bundesamt verlautet auf Nachfrage: In den Durchführungsbestimmungen sei festgelegt, dass die Aufsichtspersonen zu jedem Zeitpunkt (!) der schriftlichen Prüfung im Prüfungsraum anwesend sein müssten. „Im vorliegenden Fall ist der Sachverhalt unstreitig“, betont Sprecherin Christiane Germann. Dieser sei dem Bundesamt durch das Testinstitut mitgeteilt worden „und wir mussten nach den formalen Wirksamkeitsbestimmungen, auf welche die Kursträger ausdrücklich hingewiesen worden sind, entscheiden“.

Martin Link, Geschäftsführer des Flüchtlingsrates Schleswig-Holstein, kritisiert das „intransparente Vorgehen“ auf das Schärfste. Er halte es für nicht rechtmäßig und empfehle den Teilnehmern, eine Fachberatung aufzusuchen. Der Deutsch-Test habe sich für die Teilnehmer „zu einem Orientierungskurs in Sachen teutonischer Bürokratismus“ erwiesen. „Das sind unnötige Barrieren und wird dem Anliegen nicht gerecht, den Zuwanderern durch eine schnelle sprachliche Orientierung eine nachhaltige Perspektive für ihre Integration zu bieten.

Ob nun Sprach- oder Orientierungskursus: Heute um 10 Uhr ging es erneut um das „Zertifikat Integrationskurs“ – auch für die junge Mutter aus Afghanistan. Und wieder wird sich das bekannte Gefühl einstellen: Zittern, Bangen, Bauchweh.

Um das „Zertifikat Integrationskurs“ zu erhalten, muss in der  Sprachprüfung „Deutsch-Test für Zuwanderer“ (DTZ) das Gesamtergebnis B1 nachgewiesen werden. Der DTZ wurde im Auftrag des Bundesministeriums des Innern vom Goethe-Institut und dem Unternehmen telc  language tests  entwickelt. Er besteht aus einer schriftlichen und einer mündlichen Prüfung. Die schriftliche Prüfung dauert 100 Minuten und enthält Aufgaben zum Hören und Lesen. Außerdem muss  ein kurzer Brief verfasst werden. Der mündliche Prüfungsteil dauert rund 15 Minuten. Am Ende erhalten die Teilnehmer ein Zertifikat, das  im Gesamtergebnis Sprachkenntnisse der Stufe B1 oder A2 bescheinigt.
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