Marine in Flensburg : Todesurteile nicht verschweigen

Konteradmiral Rolf Johannesson, Befehlshaber Flottenkommandos 1957 bis 1961.
Konteradmiral Rolf Johannesson, Befehlshaber Flottenkommandos 1957 bis 1961.

Trotz der Hinrichtungen kurz vor Kriegsende: Marineschule vergibt heute den Admiral-Johannesson-Preis an junge Offiziere

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25. Mai 2018, 07:45 Uhr

Fällt heute der Marine ein Stück gepflegte Tradition auf die Füße oder belegt sie den offensiven Umgang mit ihrer Geschichte? Heute ab 10 Uhr wird der Offizierlehrgang Truppendienst der Crew VII/2017 verabschiedet. In einer Feierstunde wird den Offiziersanwärtern zum bestandenen Lehrgang gratuliert. Dabei erhalten die besten Lehrgangsteilnehmer Auszeichnungen. Diese Besten-Bewertung ist der Admiral-Johannesson-Preis, benannt nach einem Soldaten, der durch seinen Einsatz den Aufbau der Bundesmarine nach 1956 wesentlich geprägt hat.

Doch auch Marinesoldaten verweisen darauf, dass das glänzende Bild des Admirals Flecken trägt. Die stammen aus den letzten Tagen der NS-Herrschaft. Ende April 1945, also wenige Tage vor der Kapitulation, wurde bekannt, dass ein massiver Bombenangriff auf Helgoland bevorstand. Fünf Männer beschlossen, auf die Insel überzusetzen, dort eine weiße Flagge zu hissen, um sinnlose Opfer zu verhindern. Die Aktion wurde verraten, die Männer festgenommen und zum Tode verurteilt. Dieses Urteil wurde von Admiral Johannesson bestätigt und noch am selben Tag, am 21. April 1945, in Cuxhaven-Sahlenburg, vollstreckt. Es ist unstrittig, dass Johannesson die Todesurteile hätte verhindern können.

Hat er aber nicht und trotzdem steht die Marine zu den Fakten, zur Benennung des Preises nach Admiral Rolf Johannesson. Und auch seine Büste steht in der Aula der Marineschule mit voller Absicht. Zunächst einmal stellt Kapitän zur See Johannes Dumrese vom Presse- und Informationszentrum der Marine in Rostock fest, sei Johannesson kein Anhänger des NS-Regimes gewesen, sondern habe Gegnerschaft gezeigt. Dies habe ein Gutachten ergeben, ausgearbeitet vom Zentrum für Marinegeschichte und Sozialwissenschaften. Es gebe allerdings keinen Zweifel daran: Johannesson hätte die Ausführung der Todesurteile verhindern können.

Mit all diesen zwiespältigen Aspekten wird der spätere Konteradmiral in der Marineschule dargestellt. Darauf weisen Texttafeln zu den Ausstellungsstücken hin, in diesem Fall zu der Büste. Darauf werden, so Dumrese, auch die Todesurteile nicht verschwiegen. Es sei Absicht der neukonzipierten Schau- und Lehrsammlung der Marineschule, auf diese gebrochenen Biografien hinzuweisen, die zur Geschichte der Marine gehörten.

Der Marinesprecher: Zum Konzept der Schau- und Lehrsammlung gehöre auch, dass die Aula mit der Sammlung jederzeit für die jungen Offiziere und auch an den Besuchstagen für die Öffentlichkeit geöffnet sei. Jeder Besucher könne sich informieren, die Fakten seien frei zugänglich.

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