Tierkörperverwertung: Kein Job für schwache Nerven

Dunkelbraun halbfestes Fett bleibt als  Brennstoffe für die Industrie übrig. Karl-Heinz Klus ist Betriebsleiter.  Foto: weiss
Dunkelbraun halbfestes Fett bleibt als Brennstoffe für die Industrie übrig. Karl-Heinz Klus ist Betriebsleiter. Foto: weiss

Rohstoffgewinnung und gesetzlicher Seuchenschutz: Vom "Wasenplatz" zur "Tierkörperverwertung"

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07. November 2012, 03:59 Uhr

Jagel | Ein Arbeitsplatz als Schlachter oder Produktionshelfer in der Tierkörperverwertung fordert Nervenstärke, denn die Tätigkeit im Umgang mit einer großen Zahl an Tierkadavern steht im Spannungsfeld hoher seuchenhygienischer Vorgaben. Das Ausgangsmaterial des Tierkörperverwertungsbetriebes "Rendac" in Jagel sind verendete, tote oder totgeborene Großtiere wie Kühe, Pferde, Schweine, Schafe sowie sämtliche Arten von Haustieren, Geflügel, Wildtiere, gestrandete Wale, überlagertes Fleisch und eine große Menge an Schlachtabfällen. Rund 1000 Tonnen Rohmaterial werden in Jagel wöchentlich zu Tiermehl und Tierfett verarbeitet. Durchschnittlich seien es rund 70 000 Tonnen pro Jahr, sagt Betriebsleiter Karl-Heinz Klus. Rund 40 Mitarbeiter, allesamt hochqualifiziert, sind dort beschäftigt: vom Schlachter über Produktionshelfer, Lkw-Fahrer, Schlosser, Elektriker und Klärwerker. Verwertet wird rund ums Jahr täglich in zwei Schichten.

Wer meint, dass die Tierkadaver einfach kurzerhand verbrannt werden, irrt. Bevor die zerkleinerte Fleischmasse in einem der vier großvolumigen Dampfdruckbehälter landet, um bei einer Temperatur von 133 Grad unter Druck von drei Bar keimfrei sterilisiert zu werden, gibt es eine Menge körperlich schwerer und psychisch belastender Herausforderungen zu meistern. Zu den heftigen visuellen Eindrücken und dem Kontakt mit den Kadavern kommt der permanente Geruch verwesender Kadaver, der sich auf Kleidung, Haut und Haar der Mitarbeiter legt.

Nachdem die wertvollen Rohstoffe - Tierfelle, Häute, Haare und Hörner - abgetrennt sind, werden die Kadaver auf Krankheiten untersucht, Kühe etwa die älter als 48 Monate sind, auf BSE. "Seit drei Jahren gab es hier glücklicherweise keinen positiven BSE-Fall", sagt Betriebsleiter Klus. Die gesetzliche Bestimmung der Untersuchung würden sehr ernst genommen - auch, wenn das pulverisierte Tiermehl ausschließlich in der Betonindustrie verwendet und die Tierfette als energiereiche raffinierten Brennstoffe in der "Biodiesel"-Industrie dienen. Sämtliche Neben- oder Endprodukte aus dieser Produkt-Kategorie gewonnenen Materials darf seit der BSE-Krise nicht mehr als Tierfutter verwendet werden.

Am Ende der Tierkörper-Verwertung bleiben zwanzig Prozent erdfarbene, grobkörnige Trockenmasse und zehn Prozent dunkelbraunes, halbflüssiges Fett übrig - der Rest ist Wasser, das in den großflächigen Biobettfiltern verdampft und in der hauseigenen Kläranlage gereinigt wird.

Die Firma Rendac, deren Betriebsgelände auf fünf Hektar Produktionsstätte, Druckbehälteranlage samt Abluft- und 80 000 Kubikmeter umfassenden Biobett-Filtersystemen beherbergt, steht unter ständiger Überwachung durch die Behörden einschließlich Emissionsmessungen des Umweltamtes nach Bundesemissionsschutzgesetz. "Mancher Ladenschlachter wird nicht so häufig überwacht wie wir", sagt Klus. Dennoch stinkt es an manchen Tagen und Nächten in den umliegenden Nachbargemeinden Kropp, Jagel und Lottorf. Erst kürzlich machte die Rendac ungewollt mit starker Geruchsbelästigung aufgrund einer Notfall-Entsorgung von rund sieben Tonnen überlagerter Putenkadaver aus Niedersachsen unangenehm auf sich auf sich aufmerksam. Die Ursache der Geruchsstörung war ein Leck im Abluftsystem, das umgehend repariert wurde. In Kürze läuft der Betrieb wie in den Vorjahren wieder auf Hochtouren, denn es wird eine große Menge an nackter Nerz-Kadaver aus Dänemarks Pelzindustrie erwartet.

Betriebsleiter Klus ist seit Jahren um Offenheit und Transparenz in der Zusammenarbeit mit Behörden und Bevölkerung bemüht.

Die Tätigkeit des Abdeckers oder "Wasenmeisters" gibt es seit vielen Jahrhunderten. Auf Grund der Seuchengefahren und Gerüche lebten sie immer von der Bevölkerung abgeschieden abseits des Ortes, vergruben oder verbrannten die Kadaver an sogenannten "Wasenplätzen". Aus den Kadavern gewonnen wurden Felle, Fette, Leim, Knochenmehl, Salmiak, Seife, Bleichmittel und Viehfutter. Bis in die 70er Jahre gab es in der Region die wegen der gefürchteten Milzbranderreger nicht ungefährlichen "Wasenplätze". Die Betriebsstätte in Jagel besteht seit 1936. Zuvor war der Standort am heutigen Flugplatz untergebracht.

Eine besondere Verantwortung kommt den Tierkrperverwertungsbetrieben beim Auftreten von Tierseuchen zu. Dann soll die hygienische Entsorgung belasteter Kadaver dazu beitragen, die Seuchen einzudämmen und Schaden von der Bevölkerung abzuwenden. Zahlreiche Gesetze und Verordnungen auf Länderebene sowie in der Europäischen Union regeln den Umgang mit verendeten Tieren. Im Tierseuchenfall müssen in kurzer Zeit große Menben Kadaver entsorgt werden. "Auch im Notfall ist das unser gesetzlicher Auftrag", sagt Klus.

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