Tiefe Einblicke in den geheimen "Ludwig"

Nüchterne Tristesse: Links führt die Tür in die Staatskanzlei.  Foto: Meissner
Nüchterne Tristesse: Links führt die Tür in die Staatskanzlei. Foto: Meissner

Verein "Unter Hamburg" bot Führung durch den ehemaligen "Ausweichsregierungssitz" der Kieler Landesregierung in Lindewitt an

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22. August 2012, 03:59 Uhr

Lindewitt | Der Schleier der Geheimhaltung lag lange über der Grundschule Lindewitt - genauer gesagt: darunter. Bis im Jahr 2004 Mitarbeiter des Innenministeriums Möbel, Fernmeldetechnik und das Dieselaggregat aus dem Keller der Schule abholten. Während oben Schüler spielten und lernten, befand sich unten einer von vier "Ausweichsregierungssitzen" der Kieler Landesregierung. Eine unscheinbare Stahltür führt in den Bunker "Ludwig". In unmittelbarer Nähe ist ein Sportplatz, auf dem Hubschrauber landen konnten, erklärt Roland Rossig vom Verein "Unter Hamburg". Gemeinsam mit seinen Kollegen bietet er regelmäßig Rundgänge durch Bunkerbauwerke an, auch in Schleswig-Holstein. Jetzt stand wieder einmal eine Tour durch das triste Lindewitter Gemäuer an.

Wer in einem Regierungsbunker Luxus und gehobene Ausstattung erwartet, wird nämlich enttäuscht. Ministerpräsident, Innen,- Justiz- und Finanzminister hätten mit gewöhnlichem Bunkerstandard vorlieb nehmen müssen. Lediglich die Außenwände der ministerialen Arbeitsräume wurden nachträglich wärmeisoliert.

Kurios ist vieles an dem Bauwerk. 1974 in Dienst gestellt, war es ein Produkt des kalten Krieges, geheimgehalten und erweitert wurde es aber auch noch nach 1990. Für die erste weibliche Regierungschefin, Heide Simonis, wurde gar eine separate Dusche eingebaut. In den späten 90er Jahren wurden die Gemäuer feucht und in Folge dessen Belüftungsrohre nach außen geführt. "Die hermetische Abriegelung des Bauwerks war so nicht mehr gewährleistet", sagt Roland Rossig. Über die Geheimhaltung können einige Besichtigungs-Teilnehmer aus der Umgebung des jüngsten Rundgangs allerdings nur schmunzeln. Die Tarnbezeichnung lautete damals "Sanitätsbunker", doch viele wussten längst, welche Aufgabe die 1,5 Meter starken Mauern wirklich hatten.

In den rund 100 Räumen des Bunkers hätten 210 Personen Platz gefunden. Auch der oberirdische Bereich der Schule war in das Konzept des "Ausweichregierungssitzes" integriert. Die Aula hätte als Kabinettssaal herhalten müssen. Neben der damals hoch modernen Kommunikationstechnik mit Leitungen zu allen krisenrelevanten Institutionen, verfügte das Bauwerk zudem über Einrichtungen zur Belüftung, Stromerzeugung und sogar ein kleines Rundfunkstudio. Ein verhältnismäßig großer Aufwand - Hamburg hielt im Kalten Krieg lediglich eine Villa an der Elbe als Not-Regierungssitz vor. "Man glaubte wohl, dass die Strukturen der Bundesrepublik bei einem Durchmarsch der Truppen des Warschauer Paktes hoch im Norden überleben könnten", sagt Rossig.

Der Bunker hätte allerdings nur für bis zu vier Wochen Schutz geboten, auch vor Atombomben. "Von dem Begriff Atombunker muss man sich verabschieden, sowas gibt es nicht", sagt Rossig. Tore, Schleusen und Unterdruck im Gebäude hätten zwar den Innenraum vor Dekontamination geschützt, doch der Druckwelle einer Detonation in unmittelbarer Nähe könne kein Bauwerk standhalten.

Übrigens: Trotz Öffnung des Bunkers sind viele Geheimnisse noch nicht gelüftet, die Akten werden auch die nächsten 30 Jahre Verschlusssache bleiben.

Im kommenden Jahr werden wieder Rundgänge durch den Bunker stattfinden. Info: www.unter-sh.de

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