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Flensburg : Taxibranche: Die Angst vor dem Mindestlohn

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Taxibranche richtet sich auf den Stichtag 1. Januar ein. In Flensburg wurde vielen Fahrer schon gekündigt.

shz.de von
erstellt am 30.Sep.2014 | 07:38 Uhr

Flensburg | Flensburgs Taxi- und Mietwagengewerbe blickt mit steigender Unruhe auf den 1. Januar 2015. Dann gilt der gesetzliche Mindestlohn. Das Gewerbe rechnet bundesweit mit dem Verlust von 50.000 Arbeitsplätzen und einer Anhebung der Tarife bei gleichzeitiger Verschlechterung der Versorgung. Das gilt auch für Flensburg. Erste Anzeichen: Die Unternehmen haben eine Tarifanhebung beantragt. 20 Prozent mehr tagsüber, nachts 40 Prozent. Viele Fahrer wurden schon gekündigt.

Bei Taxi Edenhofer bereitet man sich auf einen harten Aufschlag vor. Im März diesen Jahres hat Inhaberin Romy Lenz noch 40-jähriges Unternehmensjubiläum gefeiert. Was im März im nächsten Jahr von Taxi Edenhofer noch übrig ist – sie weiß es nicht. Um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein, hat sie es gemacht wie zahlreiche andere Unternehmer auch: Sie hat ihren Fahrern zum Ende des Jahres gekündigt. Es ging nicht anders, sagt Lenz.

Bei Edenhofer ist vor allem das Stammpersonal mit langer Betriebszugehörigkeit betroffen. „Das betrifft in erster Linie Fahrer, die 15, 17, 20 Jahre dabei sind“, sagt die Chefin. „Ich will niemanden auf die Straße setzen. Ich will alles tun, das Unternehmen mit dieser tollen Mannschaft durch zu bringen.“ Aber der Griff zur Kündigung zeigt: Sicher ist Romy Lenz nicht. „Wo soll das Geld denn herkommen?“, fragt sie. „Pro Schicht fährt ein Fahrer 100 Euro ein, davon zahle ich ihm dann 85 Euro – und getankt habe ich immer noch nicht.“ Erschwerend kommt hinzu, dass der Mindestlohn dann fällig wird, wenn die Unternehmen in die verlustreichen Anfangsmonate des neuen Jahres fahren. „Januar, Februar – das ist eine tote Zeit“, sagt Lenz. „ Das Problem ist doch: Wir leben hier in der Provinz und nicht in Metropolen wie Berlin, München oder Hamburg.“ Da ließen sich höhere Preise leichter durchsetzen. „Wir müssen sehen, wie wir durchkommen und dann Zwischenbilanz ziehen. Wenn es nicht funktioniert, müssen Leute gehen.“ Und wenn eines sicher ist, da macht sich Romy Lenz auch nichts vor, dann, dass diese Betroffenen im sozialen Netz gleich bei Hartz IV aufschlagen werden. „Das wird bitter. Ich hab’ viele Leute, die sind Mitte 50 und können nun mal nichts anderes als fahren.“

Für die Kundschaft wird’s auch nicht besser. Besonders Gehbehinderte und Kranke könnten betroffen sein – denn noch ist die Frage unbeantwortet, wie die Kassen mit erhöhten Beförderungsgebühren für Krankentransporte umgehen werden. Auch soziale Kontakte werden nicht einfacher. „Die gehbehinderte Omi, die von der Dr. Todsen zu ihrer Freundin in die Schultze-Delitzsch-Straße will, zahlt dann neun statt fünf Euro.“

Kollege Klaus Lange von Altstadt Taxi sieht vor allem das Dienstleistungsangebot schrumpfen. Die Fahrer der 14 Altstadt-Taxis haben wie die meisten ihrer Kollegen umsatzorientierte Arbeitsverträge. Wenn für pro Stunde 8,50 Euro fällig werden, werden sich die Unternehmen aus umsatzschwachen Zeiten zurückziehen, glaubt Lange. „Dann werden wir die meisten Fahrer nur dann fahren lassen, wenn auch die Nachfrage groß ist.“ Sprich: Es könnte künftig schwierig sein, an einem normalen Wochentag morgens um 2 Uhr noch ein Taxi zu bekommen. „Klar, wir haben eine Bereitstellungspflicht. Aber vielleicht stehen zu manchen Zeiten in der Stadt dann manchmal nur zwei Taxen bereit“, sagt Lange. „Wir werden uns das genau anschauen und analysieren.“ Für Lenz steht jetzt schon fest: Ihre Wagen gehen nachts vom Netz. „Und wir werden nicht die einzigen sein.“

Momentan sieht es nicht so aus, als könnte der harte Aufschlag verhindert werden. Verhandlungen des Taxen-Bundesverbands mit Verdi wurden von der Gewerkschaft Mitte September für gescheitert erklärt und beendet. Damit entfiel die Option einer schrittweisen Einführung des Mindestlohns. Romy Lenz bedauert das sehr. „Das hätten wir wenigstens wuppen können.“

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